Mäuse im Weltall – wie Elon Musk zum Raketenbauer wurde

Musks erste Begegnungen mit der Raumfahrt-Community fanden mit einer bunten Mischung von Weltraumenthusiasten statt, die sich einem Verein namens The Mars Society angeschlossen hatten. Ziel der Gesellschaft war die Erkundung und Besiedelung des Roten Planeten. Mitte 2001 lud sie in das Haus eines ihrer wohlhabenden Mitglieder ein, um Geld für ihre Pläne einzusammeln – der Eintritt für das Festessen betrug 500 Dollar pro Person. Die üblichen Verdächtigen waren schon alle schriftlich eingeladen worden. Erstaunt aber war Robert Zubrin, Leiter der Gruppe, von der Antwort eines Menschen namens Elon Musk, von dem sich niemand erinnern konnte, ihn eingeladen zu haben. »Er schickte uns einen Scheck über 5000 Dollar«, sagt Zubrin, »das hat jeden aufhorchen lassen.« Zubrin holte Erkundigungen über Musk ein, stellte fest, dass er reich war, und lud ihn vor dem Festessen zum Kaffee ein. »Ich wollte, dass er weiß, welche Projekte wir betreiben«, sagt Zubrin. Dann unterhielt er Musk mit Geschichten über eine Forschungsstation, die von der Gesellschaft in der Arktis installiert worden war, um die harten Lebensbedingungen auf dem Mars zu simulieren. Außerdem erzählte er von den Experimenten für etwas, das als Translife Mission bezeichnet wurde: Eine rotierende Kapsel, besetzt mit Mäusen, sollte die Erde umkreisen. »Die Rotation sollte ein Drittel der Erdgravitation herstellen – dasselbe wie auf dem Mars. Die Mäuse sollten dort leben und sich reproduzieren«, erklärte Zubrin.

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(Von links nach rechts:) Elon, Kimbal und Tosca vor ihrem Haus in Südafrika. Alle drei Kinder leben mittlerweile in den USA.

Als es Zeit für das Essen wurde, setzte er Musk an den VIP-Tisch – zusammen mit sich selbst, dem Regisseur und Weltraumfan James Cameron und Carol Stoker, einer NASA-Planetenwissenschaftlerin mit tiefem Interesse am Mars. »Elon sieht sehr jugendlich aus und damals sah er sogar aus wie ein kleiner Junge«, sagt Stoker. »Cameron versuchte sofort, ihn zu überreden, in seinen nächsten Film zu investieren, und Zubrin wollte von ihm eine große Spende für die Mars Society.« Musk nahm hin, dass er wegen seines Geldes belagert wurde, und versuchte im Gegenzug, Ideen und Kontakte zu bekommen. Der Ehemann von Stoker war Ingenieur bei der NASA und arbeitete an einem Konzept für ein Fluggerät, das über den Mars gleiten und dort nach Wasser suchen sollte. Musk liebte diese Idee. »Er war viel intensiver als die anderen Millionäre«, sagt Zubrin. »Er wusste nicht viel über den Weltraum, aber er dachte wissenschaftlich. Er wollte genau wissen, was in Bezug auf den Mars geplant war und welche Bedeutung das hatte.« Musk trat sofort in die Mars Society ein und ließ sich in ihr Board of Directors wählen. Zur Finanzierung einer Forschungsstation in der Wüste spendete er noch einmal 100.000 Dollar.

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Er wollte Mäuse nicht nur in eine Erdumlaufbahn schicken, sondern bis zum Mars. Ein paar sehr grobe Berechnungen zeigten ihm, dass eine solche Reise etwa 15 Millionen Dollar kosten würde. »Er fragte, ob ich das für verrückt halte«, sagt (der Wagniskapitalgeber und Musks enger Freund George) Zachary. »›Kommen die Mäuse zurück?‹, fragte ich. ›Denn falls nicht, ja, dann werden die meisten Leute es für verrückt halten.‹« Wie Zachary dann erfuhr, sollten die Mäuse nicht nur zum Mars fliegen und wieder zurückkommen, sondern sich auf der monatelangen Reise sogar fortpflanzen. Jeff Skoll, ein weiterer Freund von Musk, der mit eBay reich geworden ist, erklärte, die Astronautenmäuse würden ganz schön viel Käse brauchen. Er kaufte Musk ein riesiges Rad aus Le Brouère, einem Hartkäse aus den Vogesen.

Musk machten solche Käsewitze auf seine Kosten nichts aus. Je mehr er über den Weltraum nachdachte, desto wichtiger erschien ihm seine Erkundung. Er hatte das Gefühl, die Bevölkerung habe einen Teil ihrer Ambitionen und Hoffnungen für die Zukunft verloren. Normale Menschen sahen Weltraumerkundung als Zeit- und Geldverschwendung an und zogen ihn für sein Interesse an dem Thema auf. Musk aber dachte sehr ernsthaft an interplanetare Reisen. Er wollte die Massen inspirieren und ihre Leidenschaft für Wissenschaft, Eroberung und die Versprechen von Technologie wiederbeleben.

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Wie so viele Feldzüge zur Wiederbelebung des American Spirit und zum Wecken neuer Hoffnung für die ganze Menschheit begann auch der von Musk im Konferenzraum eines Hotels. Mittlerweile hatte er ein gutes Netzwerk an Kontakten in der Weltraumbranche aufgebaut und die besten davon brachte er bei einer Reihe von Treffen zusammen – manchmal im LAX Renaissance in Los Angeles, manchmal in Palo Alto. Einen formalen Businessplan, den man hätte besprechen können, brachte Musk zu diesen Treffen nicht mit. Er wollte einfach Hilfe beim Weiterdenken seiner Idee mit den Marsmäusen oder zumindest vergleichbare Vorschläge. Musk hoffte, eine große Geste für die Menschheit zu finden – etwas, das die Aufmerksamkeit der Welt wecken und dafür sorgen würde, dass der Mars und das Potenzial der Menschheit wieder zum Thema werden. Die Wissenschaftler und Visionäre, die an den Treffen teilnahmen, sollten sich ein Spektakel ausdenken, das technisch möglich und für rund 20 Millionen Dollar umzusetzen wäre. Musk trat als Board-Mitglied der Mars Society zurück und gründete seine eigene Organisation, die Life to Mars Foundation.

Der Teilnehmerkreis bei diesen Sitzungen im Jahr 2001 war beeindruckend. Es kamen Wissenschaftler aus dem nahe gelegenen Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA. James Cameron kam ebenfalls und gab der ganzen Angelegenheit einen gewissen Hollywood-Flair. Ein weiterer Teilnehmer war Michael Griffin, der spektakuläre akademische Leistungen gezeigt und Abschlüsse in Luftund Raumfahrttechnik, Elektrotechnik, als Bauingenieur und in angewandter Physik vorzuweisen hatte. Griffin hatte früher für In-Q-Tel, den Wagniskapitalarm der CIA, gearbeitet, außerdem für die NASA. Gerade war er dabei, bei Orbital Sciences Corp. aufzuhören, einem Hersteller von Satelliten und Raumschiffen, wo er als Technikchef und Geschäftsführer des Bereichs Weltraumsysteme arbeitete. Wahrscheinlich gab es auf dem ganzen Planeten niemanden, der mehr konkretes Wissen darüber hatte, wie man Dinge in den Weltraum bekommt, als Griffin. Für Musk wurde er zu einer Art Chef-Weltraumdenker (fünf Jahre später, 2005, wurde Griffin zum neuen NASA-Chef berufen).

Die Experten waren hocherfreut darüber, dass sich ein neuer reicher Mensch gefunden hatte, der bereit war, interessante Weltraumprojekte zu finanzieren. Bereitwillig diskutierten sie über die Vorteile und Machbarkeit des Vorhabens, Nagetiere ins All zu schicken und beim Kopulieren zu beobachten. Im Verlauf der Gespräche entstand jedoch Konsens darüber, lieber ein anderes Projekt zu verfolgen – etwas, das als »Mars-Oase« bezeichnet wurde. Nach diesem Plan sollte Musk eine Rakete kaufen und damit eine Art Roboter-Treibhaus auf den Mars befördern. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hatte bereits an einer weltraumfähigen Wachstumskammer für Pflanzen gearbeitet. Die Idee war, sie zu modifizieren, sodass sie etwas Marsboden aufnehmen und darauf Pflanzen wachsen lassen konnte; so sollte der erste Sauerstoff auf dem Mars entstehen. Sehr zur Freude von Musk erschien dieser Plan spektakulär und umsetzbar zugleich.

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Musk verließ sein Zuhause in Richtung Kanada und landete an der Queen’s University in Ontario, wo er in einem Studentenwohn- heim für ausländische Studenten unterkam. ©Maye Musk

Musk wollte, dass die Kammer ein Fenster bekommt und Videos zurück zur Erde senden kann, sodass die Menschen beim Wachsen der Pflanze zusehen können. Die Gruppe sprach auch darüber, Bausätze an Studenten im ganzen Land zu verschicken, die parallel eigene Pflanzen züchten und dann zum Beispiel feststellen sollten, dass Pflanzen auf dem Mars in derselben Zeit doppelt so hoch wachsen können wie auf der Erde. »Dieses Konzept war seit einiger Zeit in verschiedenen Formen im Umlauf«, sagt Dave Bearden, ein Veteran der Weltraumbranche, der bei den Treffen dabei war. »Es ging darum, sagen zu können: ›Ja, es gibt Leben auf dem Mars und wir haben es dorthin gebracht.‹ Die Hoffnung war, dadurch Tausenden von jungen Leuten zu zeigen, dass dieser Ort gar nicht so feindlich ist. Dann würden sie vielleicht anfangen, zu überlegen, selbst dorthin zu reisen.« Musks Begeisterung für die Idee steckte die Gruppe an – vorher hatten viele ihrer Mitglieder kaum noch daran geglaubt, dass im Weltraumbereich noch etwas Neuartiges passieren könnte. »Er ist ein sehr intelligenter, sehr getriebener Mensch mit einem riesigen Ego«, sagt Bearden. »Einmal erwähnte jemand, er könne zum ›Man of the Year‹ des Time-Magazins werden, und man konnte sehen, wie er auflebte. Er hat diesen Glauben, dass er der Mann ist, der die Welt verändern kann.«

Das größte Problem für die Experten war das von Musk genannte Budget. Nach den Treffen sah es so aus, als würde Musk zwischen 20 und 30 Millionen Dollar für die Show ausgeben wollen, und jeder wusste, dass allein der Raketenstart mindestens so viel kosten würde. »Meiner Meinung nach brauchte man 200 Millionen Dollar, um es richtig zu machen«, sagt Bearden. »Aber die Leute scheuten sich, zu früh zu viel Realitätssinn in die Situation zu bringen, weil das die Idee sofort getötet hätte.« Hinzu kamen die enormen technischen Herausforderungen, die noch gelöst werden mussten. »Ein großes Fenster in diesem Ding zu haben, bedeutete ein massives Temperaturproblem«, erklärt Bearden. »Man konnte den Behälter dann nicht mehr warm genug halten, um irgendetwas am Leben zu halten.« Marsboden in das Gehäuse zu schaufeln schien nicht nur schwierig zu sein, sondern auch schlicht eine schlechte Idee, denn der dortige Regolith ist giftig. Eine Zeitlang diskutierten die Wissenschaftler darüber, die Pflanze stattdessen in einem nährstoffreichen Gel wachsen zu lassen; das wirkte jedoch wie ein Trick und hätte den ganzen Sinn der Sache untergraben. Selbst in den optimistischeren Momenten war alles voller Unsicherheiten. Ein Forscher fand besonders widerstandsfähige Senfsamen, von denen er glaubte, sie könnten vielleicht auf behandeltem Marsboden gedeihen. »Es wäre ziemlich schlecht gewesen, wenn die Pflanze nicht überlebt hätte«, sagt Bearden. »Wir hätten dann diesen toten Garten auf dem Mars gehabt, der letztlich genau das Gegenteil der gewünschten Wirkung gehabt hätte.«

Musk aber ließ sich von nichts abbringen. Ein paar seiner freiwilligen Denker machte er zu Beratern und ließ sie an der Konstruktion für die Pflanzenmaschine arbeiten. Außerdem plante er eine Reise nach Russland, um herauszufinden, wie viel ein Raketenstart konkret kosten würde. Er wollte von den Russen eine überarbeitete Interkontinentalrakete kaufen und sie als Startvehikel nutzen. Für Unterstützung dabei kontaktierte Musk Jim Cantrell, einen ungewöhnlichen Menschen, der früher teils geheime, teils andere Aufträge für die USA und andere Regierungen übernommen hatte. Unter anderem war er bekannt dafür, dass er von den Russen der Spionage bezichtigt und 1996 unter Hausarrest gestellt worden war, nachdem ein Satellitengeschäft geplatzt war. »Nach ein paar Wochen machte Al Gore ein paar Anrufe und die Sache war geregelt«, sagt Cantrell dazu. »Ich wollte danach nichts mehr mit den Russen zu tun haben – nie mehr.« Aber Musk hatte anderes im Sinn.

An einem heißen Juliabend fuhr Cantrell gerade mit seinem Cabrio durch Utah, als sein Telefon klingelte. »›Ich muss dringend mit Ihnen reden. Ich bin Milliardär und will ein Weltraumprogramm starten‹, sagte dieser Typ mit dem merkwürdigen Akzent zu mir«, erzählt Cantrell. Er konnte Musk nicht gut hören – als Namen hatte er Ian Musk verstanden – und sagte, er würde von zu Hause aus zurückrufen. Anfangs trauten die beiden Männer einander nicht recht. Musk weigerte sich, Cantrell seine Mobiltelefonnummer zu geben, und rief ihn von seinem Faxgerät aus an. Cantrell fand Musk sowohl faszinierend als auch übereifrig. »Er fragte, ob es in meiner Nähe einen Flughafen gibt und ob wir uns am nächsten Tag dort treffen könnten. Für mich waren das alles Alarmsignale«, berichtet Cantrell. Er hatte die Sorge, einer seiner Feinde könnte versuchen, ihm eine raffinierte Falle zu stellen. Musk sagte er, sie könnten sich am Flughafen von Salt Lake City treffen, wo er einen Konferenzraum in der Nähe der Delta-Lounge mieten würde. »Ich wollte ihn hinter den Sicherheitsschleusen treffen, damit er keine Waffe mitbringen konnte«, sagt Cantrell. Als das Treffen endlich stattfand, verstanden sich die beiden prächtig. Musk lieferte seine »Menschen müssen eine multiplanetare Spezies werden«-Rede ab und Cantrell sagte, wenn Musk es damit wirklich ernst meine, werde er doch noch einmal nach Russland fahren und beim Kauf einer Rakete helfen.

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Gwynne Shotwell ist Musks rechte Hand bei SpaceX und leitet das Tages- geschäft des Unternehmens, dazu gehört auch die Überwachung eines Raketenstarts vom Kontrollzentrum aus. (Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von SpaceX)

Ende Oktober 2001 bestiegen Musk, Cantrell und Adeo Ressi, der College-Freund von Musk, ein Linienflugzeug nach Moskau. Ressi hatte die Rolle des Aufpassers übernommen und versuchte herauszufinden, ob sein bester Freund dabei war, den Verstand zu verlieren. Er ließ Videoausschnitte mit explodierenden Raketen zusammenstellen und auch andere Freunde von Musk versuchten, ihm die geplante Geldverschwendung auszureden. Als das nichts half, kam Adeo mit nach Russland, um Musk zumindest so gut wie möglich im Griff zu behalten. »Adeo nahm mich zur Seite und sagte: ›Was Elon macht, ist wahnsinnig. Eine philanthropische Geste? Das ist Wahnsinn!‹«, erzählt Cantrell. »Er war ernsthaft besorgt, aber er kam mit.« Warum auch nicht? Schließlich unternahmen die drei Männer ihre Reise auf dem Höhepunkt der lockeren Post-Sowjetzeit, als es für reiche Leute kein Problem zu sein schien, auf dem freien Markt auch Raketen zu bekommen.

Bald sollte das Team Musk noch um Mike Griffin wachsen und sich im Verlauf von vier Monaten dreimal mit den Russen treffen.19 Die Gruppe machte Termine mit Unternehmen wie NPO Lavochkin, das Marsund Venussonden für die russische Weltraumagentur hergestellt hatte, oder Kosmotras, einem kommerziellen Raketenstart-Anbieter. Diese Begegnungen schienen alle nach demselben russisch geprägten Muster zu verlaufen: Die Russen, die gern das Frühstück ausfallen ließen, schlugen ein Treffen gegen 11 Uhr in ihren Büros für ein frühes Mittagessen vor. Vor Ort gab es eine Stunde oder länger Smalltalk, während sich die Anwesenden mit statt an Sandwiches, Würstchen und natürlich Wodka bedienten. Irgendwann pflegte Griffin dann ungeduldig zu werden. »Er kann Dummheit schlecht aushalten«, sagt Cantrell. »Er schaute herum und fragte sich, wann zum Teufel wir endlich über Geschäftliches reden würden.« Nicht allzu bald, wie sich zeigte. Nach dem Essen kam eine längere Pause zum Rauchen und Kaffeetrinken. Wenn alle Tische abgeräumt waren, wandte sich der verantwortliche Russe an Musk und fragte ihn: »Was würden Sie gern kaufen?« Der lange Vorlauf hätte Musk vielleicht weniger gestört, wenn die Russen ihn ernster genommen hätten. »Sie schauten uns an, als wären wir keine glaubwürdigen Menschen«, sagt Cantrell. »Eine ihrer Chefkonstrukteure spuckte mich und Elon an, weil er dachte, wir würden ihm lauter Unsinn erzählen.«

Das intensivste dieser Treffen fand in einem schmuckvollen, aber vernachlässigten Gebäude aus der Zeit vor der Revolution in der Nähe der Moskauer Innenstadt statt. Die Wodkarunden begannen – »Auf den Weltraum!«, »Auf Amerika!« – und Musk wollte 20 Millionen Dollar ausgeben. Er hoffte, dass das ausreichen würde, um drei Interkontinentalraketen zu kaufen, die sich für Weltraummissionen umrüsten ließen. Beschwipst vom Wodka, fragte Musk geradeheraus, was eine Rakete kosten würde. Die Antwort: 8 Millionen Dollar. Musk konterte und bot 8 Millionen Dollar für zwei. »Sie saßen da und schauten ihn an«, erzählt Cantrell, »und sagten etwas wie ›Nein, junger Mann‹. Außerdem verkündeten sie, er habe das Geld ohnehin nicht.« An diesem Punkt war Musk zu dem Schluss gekommen, dass die Russen entweder nicht ernsthaft ins Geschäft kommen wollten oder fest entschlossen waren, einem Dotcom-Millionär so viel von seinem Geld abzunehmen wie nur möglich. Er stürmte aus dem Meeting.

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SpaceX musste die ersten Flüge vom Atoll Kwajalein (oder Kwaj) der Mar- shallinseln durchführen. Die Erkenntnisse, die auf der Insel gewonnen wur- den, waren hart erarbeitet, aber letztendlich war es eine von Erfolg gekrönte Unternehmung für die Ingenieure. (Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von SpaceX)

Die Stimmung im Team Musk hätte schlechter nicht sein können. Es war Ende Februar 2002 und die Männer gingen nach draußen, um ein Taxi zu rufen und direkt zum Flughafen zu fahren, der inmitten von Schnee und Matsch des russischen Winters lag. Im Taxi sagte niemand ein Wort. Musk war voller Optimismus nach Russland gekommen, eine große Show für die Menschheit organisieren zu können, jetzt reiste er verärgert und enttäuscht von der menschlichen Natur wieder ab. Die Russen waren die Einzigen mit Raketen, die möglicherweise in sein Budget gepasst hätten. »Es war eine lange Fahrt«, sagt Cantrell. »Wir saßen schweigend da und sahen uns die Russen an, die draußen im Schnee einkaufen gingen.« Die nüchterne Stimmung hielt an, bis im Flugzeug der Wagen mit den Getränken kam. »Wenn die Räder den Boden von Moskau verlassen, fühlt man sich immer besonders gut«, sagt Cantrell. »Man denkt: ›Hurra, ich habe es geschafft!‹ Griffin und ich haben uns also Drinks bringen lassen und angestoßen.« Musk saß in der Reihe vor ihnen und tippte auf seinem Computer herum. »›Verdammter Nerd‹, dachten wir, ›was macht er wohl jetzt?‹« Genau da drehte sich Musk auf seinem Sitz um und zeigte eine Tabelle, die er angelegt hatte. »Hey, Leute«, sagte er, »ich glaube, wir können die Rakete selbst bauen.«

Griffin und Cantrell hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar Drinks intus und waren zu erschöpft, um sich mit Spinnereien zu beschäftigen. Sie kannten nur zu gut die Geschichten von wild entschlossenen Millionären, die dachten, sie könnten den Weltraum erobern, letztlich aber nur ihr Vermögen verloren. Erst ein paar Jahre zuvor hatte Andrew Beal, ein Immobilienund Finanzzauberer aus Texas, sein Weltraumunternehmen schließen müssen, nachdem er Millionen für ein riesiges Testgelände ausgegeben hatte. »Wir dachten, ›Na klar, du und welche Armee noch mal?‹«, erzählt Cantrell. »Nein, ich meine es ernst, ich habe hier diese Tabelle«, sagte Musk. Er reichte seinen Laptop herüber zu Griffin und Cantrell und die waren sprachlos. Das Dokument nannte exakt die Kosten für die Materialien, die für Planung, Bau und Start einer Rakete gebraucht wurden. Nach seinen Berechnungen konnte Musk die bestehenden Start-Dienstleister unterbieten, indem er eine eher kleine Rakete baute; sie sollte den Teil des Marktes bedienen, der auf den Transport von kleineren Satelliten und Forschungsprojekten ins All spezialisiert war. Auch die hypothetische Leistungscharakteristik der Rakete war in der Tabelle schon beeindruckend detailliert enthalten. »›Elon, wo hast du das her?‹, fragte ich«, erzählt Cantrell.

Die Antwort auf diese Frage: Musk hatte Monate damit verbracht, Raumfahrt und die Physik dahinter zu studieren. Von Cantrell und anderen hatte er sich Rocket Propulsion Elements, Fundamentals of Astrodynamics und Aerothermodynamics of Gas Turbine and Rocket Propulsion sowie mehrere weitere Standardwerke ausgeliehen. Er war zurück in seinen Kindheitszustand als Informationsfresser gefallen und in diesem meditativen Prozess zu der Überzeugung gelangt, dass Raketen viel billiger sein könnten und sollten als bei den Russen. Vergessen waren die Mäuse. Vergessen war die Pflanze mit Videoübertragung, die auf dem Mars wächst – oder wahrscheinlich stirbt. Jetzt wollte Musk die Menschen dazu bringen, wieder mehr über die Erkundung des Weltraums nachzudenken, indem er diese Erkundung billiger machte.

Als sich die neuen Pläne Musks in der Weltraumgemeinde herumsprachen, war die Reaktion ein kollektives »Jaja« – Leute wie Zubrin kannten so etwas nur zu gut. »Es gab schon viele Zillionäre, denen ein Ingenieur eine gute Geschichte verkauft hat«, sagt er. »Nach dem Motto: Wenn wir mein Hirn und dein Geld zusammenbringen, können wir ein Raumschiff bauen, das sich rentiert und die Grenze zum Weltraum öffnet. Meistens haben die Techniker dann zwei Jahre lang das Geld des reichen Mannes ausgegeben, dann verlor er das Interesse und beendete das Projekt. Bei Elon haben alle geseufzt und gesagt: ›Na schön. Er hätte 10 Millionen Dollar ausgeben können, um die Mäuse hochzuschicken, jetzt wird er statt dessen Hunderte Millionen ausgeben und wahrscheinlich genauso scheitern wie all die anderen vor ihm.‹«

Dieser Auszug stammt aus dem Buch:

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Ashlee Vance: „Elon Musk: Wie Elon Musk die Welt verändert – Die Biografie“

Finanzbuch Verlag, 368 Seiten, 19,99 Euro

Das Buch ist u.a. hier erhältlich.


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