Darf man vor dem Chef angeben?

JA

Eine uralte Erfolgsregel besagt, dass Klappern zum Handwerk gehört. Aber im ADHS-Now muss man schon ein bisschen mehr tun als bloß klappern. Nämlich rasseln, trommeln, tröten, triangeln und dieses Geigen-Fortissimo aus der Duschszene bei „Psycho“ mit im Repertoire haben. Denn der multibelastete Chef hat in der Regel nicht die allerbeste Übersicht darüber, wer aus seinem Team sich für höhere Aufgaben eignet oder in wem unberührtes Potenzial schlummert, das er als Natural Born Leader im Dienste des Unternehmens freizusetzen hat. Ein bisschen #humblebrag kann da dem Vorgesetzten mühsames, zeitintensives Nachdenken ersparen. Angeben sollte man nicht mit klassischem Schulhofgeprotze assoziieren, es kann stattdessen auch ein durchaus positives Signal setzen: Wer seine Stärken vor dem Chef zur Schau zu stellen weiß, der ist wahrscheinlich auch in der Lage, die Stärken und Vorteile eines Produkts oder Diensts vor Kunden oder Klienten ins rechte Licht zu rücken. Ist also nur im Interesse des Unternehmens, wenn man sich selber ein bisschen promotet und nicht darauf wartet, dass der Zufall einen die Leiter hochfallen lässt. Nur Vorsicht: Auch beim Angeben gilt es, eine gewisse Etikette einzuhalten: Niemals auf Kosten anderer, und – ganz so wie Aktaufnahmen im Männermagazin – irgendwie „geschmackvoll“ soll es sein. Schwammig? Aber ja. Keine Sorge: Das Gespür dafür kommt mit der nötigen Erfahrung. Ganz wie Rolex und ein Platz im Aufsichtsrat. Und was soll schon passieren? Schlimmstenfalls nervt man ein bisschen. Wer beim Chef Augenrollen und Seufzen erkennt, sollte darum die Taktik überprüfen. Aber zugleich stets im Hinterkopf behalten: Schlimmer noch als ein genervter Chef ist, wenn ein anderer stattdessen angibt und der dann eben ab sofort den Key-Account betreut. Hätte, sollte, könnte – zu spät. Andererseits: Der moralische Gewinner hat dann abends mehr Zeit, endlich mal in Ruhe Flakka auszuprobieren. Und das Triangeln zu üben.

von Alexander Langer

NEIN

Das Wochenende im Detox-Hotel auf Sansibar verbracht? Die Eigentumswohnung mit der ausladenden Terrasse in Bestlage gekauft? Das Golfturnier haushoch gewonnen? Respekt! Da darf man das Büro gerne dran teilhaben lassen. Denn was gibt es Schöneres als das wärmende Triumphgefühl, wenn die Kollegen sich vor Neid die Mundschleimhaut blutig beißen? Aber bitte nur die. In Hörweite des Chefs sollte der endorphingesteuerte Protzmodus flugs durch kühles Understatement ersetzt werden: „Das Hotel war ganz nett, aber überfüllt. Der Balkon ist schön, geht jedoch nach Norden raus. Erster, ja, aber der Clubchampion hatte Grippe.“ Hierarchien verschwinden nicht, nur weil alle kumpelhaft per Du sind. Der Chef ist und bleibt Rang-Erster im Rudel. Ein Angestellter, der seine Rolle ernst nimmt, würde also niemals die fein austarierten Statuskaskaden durch Aufschneidertum infrage stellen. Es ist nun mal Gesetz, dass der Boss das luxuriösere Leben, den schickeren Sportwagen und den prickelnderen Whirlpool hat. Er besitzt ein natürliches Anrecht darauf, das früher auch durch das Einkommensgefälle sichergestellt war. Heute aber, wo sich die ein oder andere einfache Arbeiterbiene dank Erbschaft oder Spekulationsgewinnen einen ausschweifenderen Lebensstil leisten kann als ihr Vorgesetzter, läuft sie Gefahr, den an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen. Um die infrage gestellte Ordnung wiederherzustellen, wird der Chef seiner Überlegenheit auf anderem Feld Ausdruck verleihen. Er ist qualifizierter, schlauer, besser als die Untergebenen. Wie sonst hätte er es an die Spitze geschafft? Und ein Fehler in der Arbeit des Angebers – „Wie war sein Name noch mal?“ – wird sich finden. Und noch einer. Und noch einer. Wenn es so weit ist, kann der Prahler eigentlich gleich die Urlaubsfotos zusammenpacken und seinen Schreibtisch räumen. Immerhin, ihm bleibt sein Balkon. Wenn doch nur ein wenig Sonne darauf scheinen würde.

von Tanja Lemke


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