Die tun nix, die wollen nur heulen: Klagesänger im Büro

»Wenn wir nicht bald neue Bürostühle bekommen, muss sich die Geschäftsführung nicht wundern, wenn wir alle mit Rücken krankgeschrieben sind!«

»Ach, hör bloß auf! Ich konnte gestern auch schon kaum noch aufstehen. Und die Monitore in unserer Abteilung! Mir tun jeden Abend die Augen weh!«

Wenn du noch nie ein Gespräch wie dieses in der Kaffeeküche mit angehört hast, dann arbeitest du scheinbar nur mit Motivationsmonstern. Zugegeben, hier handelt es sich um zwei besonders wehleidige Zeitgenossen. Doch mal ehrlich: Hast du dich an einem schlechten Tag noch nie mit Kollegen beim Jammern gegenseitig übertroffen? Manche tun das einfach öfter als andere – geradezu rituell.

Mit Hape Kerkelings Kultstreifen Kein Pardon ist das Klageritual sogar ins deutsche Kulturgut übergegangen. Dort klagte eine Empfangsdame notorisch metaphernreich über ihre Rückenschmerzen: »Das ist so, als wie wenn dir einer mit der Kettensäge das Rückenmark durchtrennt!«

Hört sich schlimm an, wenn Mitarbeiter so rumjammern und damit auch noch wertvolle Arbeitszeit verschwenden. Doch Chefs können aufatmen: Das Klageritual ist nur eines von vielen Gesprächsritualen, die den Gesprächsstil eines Menschen prägen. Wir verwenden sie unbewusst. So ist das Klageritual in aller Regel nur ein Ausdruck von Solidarität zwischen den Gesprächspartnern. Es dient ganz einfach der emotionalen Entlastung. Die meisten Klagen, die dabei vorgebracht werden, sind nicht wirklich ernst gemeint – es handelt sich eher um reflexhafte Zustimmung nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Falls du selbst zu den eifrigen Klagesängern gehörst – übertreib es nicht. Emotionale Entlastung ist gut. Doch wer dauerhaft am Motzen ist, handelt sich schnell einen Ruf als chronischer Nörgler mit negativer Arbeitseinstellung ein. Ganz besonders beim Chef. Im schlimmsten Fall wirst du sogar als unfähig eingeschätzt, bei der Arbeit auftretende Probleme selbst zu lösen.

Umgekehrt können Kollegen, die sich die Klagen anhören dürfen und auf jedes Problem mit einem Lösungsvorschlag reagieren, statt einfach mal nur zuzuhören, von anderen als distanziert und besserwisserisch wahrgenommen werden. Also halt dich mit Reparaturanweisungen ruhig erst einmal zurück – wahrscheinlich will sich die- oder derjenige einfach nur dein Ohr leihen. Zuhören und Nicken reicht meistens schon…

Und falls du zu den Chefs gehörst, denen das Jammern der Mitarbeiter schlaflose Nächte bereitet: Nur selten ist das Wehklagen ein Symptom wirklicher Probleme. Auch nicht bzw. schon gar nicht in den pathologischen Fällen. Abgesehen davon, dass es tierisch nerven kann. Bevor du dir also ernsthaft Sorgen über das Betriebsklima machst und eine Krisensitzung einberufst – stell dich doch einfach mal dazu und jammere eine Runde mit. Wenn das nicht hilft, dann kann dir zumindest niemand vorwerfen, du seist kein empathischer Chef…

Okay, der letzte Ratschlag war nicht ernst gemeint. Jammern liegt einfach nicht jedem. Und nicht jammern eben auch nicht.   


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

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