Board of the Lords: Mit dem elektrisch angetriebenen Surfbrett erfindet Lampuga ein neues Funsport-Genre

Der Leihwagen sieht ziemlich erledigt aus. Der Fußraum voller Sand, im Dach die üblichen Beulen vom Transport des Boards. Diesmal allerdings lassen sie sich nicht wieder einfach so rausdrücken. Immerhin Marc Hammerla wirkt munter. Sonnenbraun, ein bisschen durchgefeiert vielleicht, aber das ist okay, wenn man gerade von der Kieler Woche kommt – wo der Mitgründer und COO von Lampuga natürlich aus rein beruflichen Gründen Party gemacht hat.

Hammerla stoppt das Auto vor einer gesichtslosen Halle im Gewerbegebiet von Norderstedt bei Hamburg. Darin herrscht ein wohlgeordnetes Werkstattchaos aus Maschinen, gelagertem Material, halbfertig montierten Produkten und Tittenkalender. Kurz: Die Orte, an denen Lampuga seine elektrisch angetriebenen Boards verkauft, sind vielleicht mondän (Côte d’Azur) oder dekadent (Dubai), die Halle, in der sie hergestellt werden, könnte unglamouröser nicht sein. Dafür liegt sie halt am Schnittpunkt von fördergeldfähigem Standort und produkttesttauglichem Baggersee.

Drei Varianten des „Yachtspielzeugs für die oberen 10 000“, wie es Hammerla nennt, hat Lampuga mittlerweile im Angebot: Es gibt das 9 900 Euro teure Einsteigermodell Air mit aufblasbarem Rumpf und einer Antriebsbox, in der ein 15 PS starker Jetantrieb steckt, der das Board auf knapp 50 Stundenkilometer beschleunigt. Dann das noch etwas flottere, aber dafür schwerere Boost mit Karbonrumpf für 15 550 Euro sowie eine Variante für den Einsatz als Rettungsfahrzeug. 400 bis 500 Boards will Lampuga im laufenden Jahr ausliefern. Ob das gelingt, darüber entscheidet weniger die Nachfrage. Sondern: Schaffen sie es, in der längst viel zu beengten Halle die angepeilten 45 Einheiten pro Monat zu produzieren. Sie strengen sich besser tüchtig an, denn die Boards mögen ein Spielzeug sein, aber die Klientel ist anspruchsvoll. „Die Leute kaufen es ja nicht, um von A nach B zu kommen, sondern weil sie es haben wollen“, sagt Hammerla.

Surfbrett

Carsten Höltig arbeitet im Sales-Team und ist „der beste Surfer und zweitbeste Lampuga-Fahrer“ der Firma.

Der Weg zum Must-have-Toy für Yachtbesitzer war für Lampuga-Gründer und -Erfinder Benjamin Köhnsen allerdings weniger mediterrane Bootspartie als Nordatlantikpassage. Zunächst hat der Surfer und Modellbauer 2008 eine Idee für ein Hobbyprojekt: ein zusammenklappbares und dadurch transportables Surfbrett, mit dem man auch ohne Wellen oder Wind Spaß haben kann, mit Elektroantrieb, gelenkt durch Verlagerung des Körpergewichts. Was ihn dazu inspiriert hat? Kann Köhnsen nicht mehr sagen. Und er hat entschieden, sich auch nicht nachträglich irgendeinen schönen Gründungsmythos auszudenken, nur weil das die anderen so machen.

Eigentlich ist Köhnsen Diplomkaufmann. Bevor aus Lampuga ein Job wird, arbeitet er bei einer Corporate-Finance-Firma, wo er auch seinen späteren Kompagnon Hammerla kennenlernt. Dass er dort gelandet ist und nicht Ingenieur wurde, verdankt sich einem glücklichen Spekulationshändchen während der Dotcom-Blase. „Der Grund, weshalb ich an der Uni nicht gelernt habe, was ich am besten kann“, sagt Köhnsen. Was wiederum sein Glück gewesen sein dürfte und ausschlaggebend, dass es Lampuga heute überhaupt gibt.

Denn als Köhnsen mit seiner Idee zu den Ingenieuren geht, von denen er keiner geworden war, sagen die: „Geht nicht.“ Bei seiner Bastlerehre gepackt, beschließt er, den Profis das Gegenteil zu beweisen. „Bis hier zeige ich, dass es geht“, habe er den Ingenieuren damals gesagt. Dann könnten sie ab dort weitertüfteln. Köhnsen hat damals ja noch einen anderen Job, alles alleine zu entwickeln kommt für ihn nicht infrage. Am Anfang kommt er an der buchstäblichen Doppelbelastung aber nicht vorbei.

Elektroschrott ahoi

Lampugas erste Werkstatt liegt im Hamburger Stadtteil Harburg im ersten Stock eines Mietshauses. Günstig, was die Kosten betrifft. Weniger optimal allerdings, wenn man ein annähernd einen Zentner schweres Surfboard entwickelt, das für jede Testfahrt an einer Winde in den Hof abgeseilt, zum See gebracht und anschließend wieder hochgezerrt werden muss. Und das passiert oft. Die Testfahrten dauern immer nur wenige Minuten, ehe die erste Komponente kaputtgeht. Und ist das Problem gelöst, verlängert sich die Fahrzeit trotzdem nur um ein, zwei Minuten. Weil dann die nächste Komponente durchbrennt.

Nach und nach verwandeln sich Köhnsens Rücklagen und sein Bonus in Elektroschrott. Doch er glaubt an seine Idee – und daran, dass es für sie einen großen Markt gibt. Zur Gründung von Lampuga als Firma 2011 hat er einen Businessplan und Geld von zwei Privatinvestoren, aber noch immer keinen richtigen Prototyp, nur etwas, das Köhnsen rückblickend als „Studie“ bezeichnet: ein Board, das fährt, aber nur sehr langsam. Ein Jahr dauert es da noch, bis das wichtigste Etappenziel erreicht ist: das Brett so schnell zu machen, dass es in Gleitfahrt kommt, also auf dem Wasser schwimmt und so leichter weiter zu beschleunigen ist. Dumm nur: Genau in dem Moment geht Köhnsen die Kohle aus. Aber er macht weiter. Sein Harburger Vermieter wandelt zwischenzeitig Rückstände in Lampuga-Anteile, schließlich kann Köhnsen erneute Geldgeber und Fördermittel akquirieren. Im Herbst 2014 der Umzug nach Norderstedt. Nur, natürlich hören die Probleme nicht auf, nur weil das Geld für Miete und Gehälter gesichert ist.

Bis zur Auslieferung der ersten Boards – ehrlich gesagt, sogar etwas darüber hinaus – fordern wechselnde Probleme die inzwischen für Lampuga arbeitenden Ingenieure heraus. Ob es die Magneten der Motoren sind, die rumspinnen, oder die Erkenntnis, dass ein Board im moderat temperierten Mittelmeer super läuft, doch vor dem 30 Grad warmen Persischen Golf kapituliert. Dass der unterschiedliche Salzgehalt der Gewässer und damit ihre Dichte den Jetantrieb überfordern kann oder ein Kunde auf die Idee kommt, den leergefahrenen Akku laden zu müssen, während das Brett im Wasser liegt. „Damit rechnest du nicht“, sagt Hammerla.


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