Introvertiert im Job? So fällst du positiv beim Chef auf

Sie scheinen zum Grundinventar eines jeden Unternehmens zu gehören: Vorlaute Kollegen, die keine Gelegenheit auslassen, das Office als Showbühne zu nutzen, um mit ihren übermenschlichen Leistungen für die Firma zu prahlen. Kein Meeting, in dem sie nicht dem Chef das Blaue vom Himmel versprechen, weil alles ja total easy umzusetzen ist – und schon ist das Projekt weg. Da hat man es ganz schön schwer Karriere zu machen, wenn man eher der introvertierte Typ ist. Zumal man sich von den lieben Bürokollegen anhören muss, dass man verträumt oder viel zu schüchtern sei.

Wir haben mit Martin Wehrle, Karriereberater, gesprochen, wie man auch ohne große Klappe dafür sorgen kann, dass der Chef einen auf dem Schirm hat und wie man vorlauten Kollegen die Stirn bieten kann.

Wie kann ich bei meinem Chef positiv auffallen, wenn ich eher zu den Stilleren gehöre?

Indem Sie Ihre persönlichen Stärken nutzen. Zum Beispiel sind stille Menschen oft gut darin, wichtige Termine gründlich vorzubereiten. Bei einem Meeting kommt es immer gut, wenn man Fakten weiß, die gerade gefragt sind. Oder: Nutzen Sie Ihre Stärke im schriftlichen Ausdruck. Warum nicht mal ein Thesenpapier beim Meeting austeilen, auf dem Ihr Name steht? Außerdem: Man fällt nicht nur beim Reden, sondern auch beim Zuhören positiv auf. Finden Sie zum Beispiel heraus, wohin sich Ihre Führungskraft mit Ihrem Bereich bewegen will – und wie Sie sie dabei unterstützen können. Und wer als stiller Mensch hochsensibel ist, spürt lange vor anderen, wenn Kundenwünsche sich verändern. Auch das ist ein großer Wettbewerbsvorteil.

Wie behaupte ich mich zwischen extrovertierten Kollegen zum Beispiel in Meetings und wenn es um die Vergabe von Projekten geht?

Gehen Sie nie in ein wichtiges Meeting, ohne Truppen hinter sich versammelt zu haben. Suchen Sie vor dem Termin die Einzelgespräche mit anderen Teilnehmern, vor allem auch mit stilleren Menschen. Dann ist sichergestellt: Ihre Idee wird Rückendeckung bekommen. Es macht einen großen Unterschied, ob eine Idee nur kurz angehört wird – ehe die Runde weiterredet. Oder ob Ihre Idee von anderen befürwortet und lange diskutiert wird. Auch hier hilft es, wenn Sie die Idee mit schriftlichen Ausarbeitungen verstärken – das beugt vor allem dem Diebstahl von Ideen vor.

Wie schaffe ich es, dass die Qualität der Arbeit im Vordergrund steht und nicht der Smalltalkfaktor?

Machen Sie auf die Qualität Ihrer Arbeit diskret aufmerksam. Zum Beispiel können Sie Ihren Chef bei wichtigen Mails auf den Verteiler nehmen. Oder Sie sagen zu einem Kunden, der Sie lobt: „Das dürfte mein Chef ruhig auch mal hören.“ Vor allem: Suchen Sie das sachliche Einzelgespräch mit Ihrem Chef und kommunizieren Sie Ihre Erfolge. Wer eine große fachliche Substanz beweist, wird auch ohne oberflächlichen Smalltalk akzeptiert. Allerdings gibt es eine tatsächliche und eine gefühlte Leistung – und die gefühlte Leistung hängt eben von dem ab, was man selbst kommuniziert.

Wie kann ich mir selbst gegenüber trotz introvertiertem Verhalten im Job mehr Vertrauen schaffen?

Indem Sie nicht „trotz“, sondern „wegen“ denken! Denn introvertiertes Verhalten ist doch in der heutigen Zeit gefragter als je zuvor! Es gibt so viele Kurse im Reden – aber es mangelt an Zuhörern. Es gibt so viele Schnapsideen – aber es mangelt an Substanz. Es gibt so viel Aktionismus – aber es mangelt an Nachhaltigkeit. Machen Sie sich Ihre Stärken als leiser Mensch bewusst: Sie verfügen über ein reges Innenleben, können eigene Ideen entwickeln, anderen Menschen Raum geben und agieren mit großer Substanz. Es wird höchste Zeit, dass wir nicht mehr die Lauten als Vorbilder nehmen – sondern eher die Leisen. Da müssen wir alle einen Schalter im Kopf umlegen.

Was können Führungskräfte tun, damit introvertierte Mitarbeiter nicht zu kurz kommen?

Zum Beispiel: Introvertierte Mitarbeiter gezielt beim Meeting ansprechen, was sie zu einer Idee meinen. Oder: Gehaltserhöhungen nicht nach Lautstärke der Forderung, sondern nach der Arbeitsleitung im Alltag vergeben. Oder: Leise Menschen nicht in Rednerkurse schicken und als Mängelexemplare brandmarken – sondern mal überlegen, welche allzu lauten Mitarbeiter vielleicht einen Kurs im Zuhören bräuchten. Also: Auf die Stärken der Introvertierten eingehen und sie auf gleicher Augenhöhe wie die Extrovertierten sehen.

 

©André Heeger

Zur Person: Martin Wehrle ist „Deutschlands bekanntester Karriereberater“ (Focus) und Bestseller-Autor. An seiner Karriereberater-Akademie bietet er seit 2007 eine Coaching-Ausbildung an. Sein aktuelles Buch heißt: „Der Klügere denkt nach – Von der Kunst, auf die stille Art erfolgreich zu sein“ (Mosaik, 2017). 


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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