Ein Loblied auf die Prokrastination

Wir alle tun es – immer mal wieder. Okay, eigentlich ständig. Genauer gesagt, immer. Wir prokrastinieren was das Zeug hält. Den Lieblingskollegen auf Social Media unter niveaulosen Beiträgen zu markieren hat im Office-Alltag schnell mal eine höhere Priorität als die Kundenpräsentation, der Frühjahrsputz verdrängt die Bewerbung von der Agenda und plötzlich fällt uns ein, dass wir ja eigentlich noch im Fitness-Studio angemeldet sind. Dammit.

Aufschieberitis ist nun mal eine klassische Volkskrankheit. Schließlich erwischen wir uns immer selbst dabei, wie wir lästige Arbeit erfolgreich vor uns her schieben. Meistens nehmen wir uns dann selbst ins Verhör und versuchen in einem Good-Cop, Bad-Cop-Szenario unser schlechtes Gewissen zu verdrängen.

Produktive Prokrastination

Aber wozu? Es ist keine Schande, Aufgaben, auf die man keinen Bock hat oder die einem nicht locker von der Hand gehen, gekonnt zu vertagen. Manchmal bleibt das kreative Hoch einfach aus. Sich verkrampft hinter eine Sache zu klemmen, bringt nur in den seltensten Fällen was. Dann sitzt man statt vor wunderbar aufbereiteten Power-Point-Folien oder Drafts vor leeren Dokumenten. Bestenfalls gesellt sich zwei Stunden später noch das Wort „Überschrift“ hinzu, aber das war’s dann auch.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: In solchen Situationen lohnt es sich dem Impuls nachzugehen und zu Prokrastinieren. Denn Prokrastination kann auch durchaus zu mehr Produktivität führen. Klingt zunächst nach einem schrägen Paradoxon, ist aber so. Ist der Krempel erst mal zur Seite gelegt, können wir uns entscheiden, ob wir uns den ohnehin schon schönen Dingen des Lebens widmen oder ob wir urplötzlich Lust haben Überbleibsel aus einer früheren Prokrastinationswelle wie Steuererklärung, Abrechnung oder längst überfällige E-Mails anzupacken. Ehrlich: Wieso nicht erst mal eine kurze Runde zocken, Musik hören oder sich mit Freunden auf einen Kaffee treffen? Sich Insipiration von außen holen? Schließlich kommt der Geistesblitz immer dann, wenn man am wenigsten mit ihm rechnet. Haben wir dann Abstand zur Aufgabe gewonnen, können wir die in einem zweiten Anlauf mit frischen Ideen, anderen Blickwinkeln und ohne Knoten im Hirn herangehen und das weiße Blatt ist schnell gefüllt.

Nicht nichts gemacht

Und mal ganz ehrlich: Im Endeffekt hat man während der Prokrastination nicht nichts gemacht. Zumindest geht es da mir so. Oft erledige ich in der Zeit viele kleine Dinge. Nur fällt mir das nicht auf, weil mein oberstes To-Do dann immer noch auf der Liste steht. Deswegen bin ich aber noch lange nicht faul. Gut, wenn ich dann doch aus Versehen eine Staffel meiner Lieblingsserie durchgesuchtet und meinen Kopf ordentlich durchgelüftet habe, dann habe ich eben ausnahmsweise mal entspannt. Muss auch drin sein.

Klar ist es nicht immer ratsam Dinge vor sich her zu schieben. Geht auch nicht immer. Manchmal sitzt einem die Deadline im Nacken. Auf die letzte Minute zu warten und unter Druck und Stress zu leiden ist natürlich kein erstrebenswerter Zustand. Sich schlecht zu fühlen, nur weil einen die Aufschieberitis gepackt hat, aber auch nicht. Wie wäre es, wenn man das Dauer-Produktivitäts-Mindset mal um den Faktor Mut zur Prokrastination erweitert? Denn die ist besser als ihr Ruf.

Anmerkung: Dieser Beitrag ist während einer Prokrastinationsphase entstanden.


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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