Newcomer: Indiepopper Sind im Gespräch über Alk, Business und Gary Vaynerchuck

Die Berliner Band Sind könnte das nächste große deutsche Indie-Ding werden. Ein Gespräch über Alkohol, Business und Gary Vaynerchuk.

Sind, gerade ist euer Debütalbum „Irgendwas mit Liebe“ erschienen. Aufgenommen habt ihr das mit Zebo Adam, unter anderem Produzent der österreichischen Hypeband Bilderbuch. Wie war das?

Ludwig: Zebo war die erste große Respektsperson für uns, das hat man allen angemerkt.

Arne: Es gibt zwei Arten von Produzenten: die, die die komplette Musik selbst schreiben – so wie Dieter Bohlen – und die, die versuchen, das Beste aus Musikern rauszuholen. So einer ist Zebo.

Hannes: Wir dachten erst, er drückt uns vielleicht auch in diese Bilderbuch-Richtung. Die finden wir zwar toll, aber wir wollten natürlich nicht genauso klingen. Stattdessen hat Zebo gesagt: Genau so, wie ihr es macht, ist es gut, wir müssen nur noch ein bisschen mehr herausstellen, wie ihr seid. Im Endeffekt ist der Sound dadurch rockiger und rotziger geworden. Mir macht es jetzt viel mehr Spaß zu spielen, weil alles ein bisschen greifbarer geworden ist für uns.

Hat euch diese Zusammenarbeit Türen geöffnet?

Hannes: Man wird von Anfang an anders wahrgenommen, die Leute haben ein anderes Grundinteresse. Die denken: Wenn Zebo Adam das gemacht hat, muss es ja was Ordentliches sein. Das hilft ungemein.

Abgesehen von prominenten Kooperationen: Wie verschafft man sich als Newcomer Gehör?

Arne: Ich glaube, es ist wichtig, bei wenigen Leuten einen gezielten Eindruck zu hinterlassen, anstatt auf breite Masse zu setzen. Und wenn es nur zwei, drei Leute sind, die du auf einem Konzert berührst und zu denen du eine Bindung aufbaust. Irgendwann hast du dann eine kritische Masse, von da geht es exponentiell nach oben.

Hannes: Wir müssen also Konzerte spielen, Konzerte spielen, Konzerte spielen.

Arne: Mediale Aufmerksamkeit zu bekommen ist schwer als Newcomer. In dieser schnelllebigen Zeit ist ein neues Video nach eineinhalb Wochen schon wieder verpufft. Eigentlich muss man die Leute permanent penetrieren, damit sie einen ja nicht vergessen, so in Gary-Vaynerchuck-Manier. Im Grunde müsste man einen festen Video- und Contentproducer in die Band aufnehmen, der immer dabei ist. So machen es zum Beispiel die Ami-Rapper. Keiner kennt deren Musik, aber die haben 200  000 Follower, weil sie die ganze Zeit jemanden dabeihaben, der Content rausballert.

Warum habt ihr euch dann so einen ungooglebaren Namen wie Sind verpasst?

Arne: Als wir vor fünf Jahren aus Spaß angefangen haben, rumzujammen, hat keiner von uns daran gedacht.

Hannes: Uns ging es ja nie um Geld oder Erfolg, wir wollten einfach als Freunde eine geile Zeit haben. Wir wollten eine Band haben, weil es unser großer Traum war, zusammen auf Festivals zu fahren, ohne dafür zahlen zu müssen, und dann kostenlos saufen zu können.

Klingt jetzt nicht nach den ganz großen Ambitionen …

Arne: Doch, ich habe extra meinen Job als Basketballagent aufgegeben, damit wir das Album aufnehmen können. Das hätte sonst gar nicht funktioniert.

Hannes: Wir nehmen das schon ernst und geben uns wirklich Mühe, aber die Musik ist nicht alles für uns. Wir definieren uns nicht nur über die Perfektion unserer Musik, sondern auch über die Qualität unserer gemeinsamen Zeit bei den Proben und Auftritten. Sind ist mehr als nur Musik, wir sind auch Lebemenschen und vor allem Freunde.

Ihr habt euch bewusst gegen ein Musiklabel entschieden. Warum?

Ludwig: Labels sind interessant, weil sie die Möglichkeit haben, sehr viel Geld vorzuschießen. Aber wir wollten das nicht, weil man dann auf einmal Erwartungen erfüllen muss, die nicht gesund sind für einen Newcomer.

Nur, wie klappt’s ohne die Kohle und das Know-how eines Labels?

Ludwig: Wir erfahren sehr viel Künstlerförderung von allen Seiten, und vieles läuft über persönliche Beziehungen. Wir haben viele Partner, die das gut finden, was wir machen, und uns erst mal ohne Bezahlung unterstützen. Klassische Deals mit Prozentabschlägen auf irgendwelche Einnahmen haben wir nicht. Ab irgendeinem Punkt muss man dann gucken, wie man weitermacht, aber erst mal ist das alles auf Perspektive gebaut.

Hannes: Dafür war unser Netzwerk wahnsinnig wichtig. Ludwig und ich haben durch unsere Jobs viele kulturelle Kontakte, die anderen kannten durch frühere Bandprojekte oder Praktika auch schon ein paar Leute. Und zufällig ist es so, dass wir im Freundeskreis viele haben, die irgendwas mit Musik, Film oder Fotografie machen und Bock haben, uns zu supporten. Wir haben uns schon immer in dieser Berliner Medienbubble bewegt, da gab es Sind noch gar nicht.

Der Werbefilmer Johannes Schröder hat ein sehr sehenswertes Vertikalvideo zu eurer Single „Alpina Weiss“ gedreht, optimiert fürs Gucken auf dem Smartphone. Normalerweise arbeitet er für Kunden wie Adidas, Smart oder die Deutsche Bahn. Wa­rum jetzt für euch? Auch ein Buddy?

Arne: Der Kontakt kam – wie so oft – über einen Kumpel zustande. Johannes fand uns sympathisch und hatte Bock, mal wieder eine freie Arbeit zu machen. Wir haben ihm gesagt, dass wir kein Geld haben, aber hundertprozentigen Einsatz garantieren und ihm komplette künstlerische Freiheit gewähren. Man glaubt gar nicht, wie vielen Leuten das wichtiger ist als Geld.


Tanja Lemke

Tanja ist Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade durch diverse asiatische Länder tingelt, kümmert sie sich hauptsächlich um die Lifestyle-Themen im Magazin. Glücklich machen sie Palmen, Podcasts und Popkultur.

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