Diese Miniserie zeigt, was Deutscher Humor so alles kann

Kriminell kommt von Können. Die Serie „Arthurs Gesetz” zeigt, was alles passiert, wenn das Talent nicht zum Mörder reicht.

Von Nicolas Schöneich

Von einem, der nicht auszog

Armer Arthur Ahnepohl. Wann hat er wohl zuletzt etwas selbst entschieden? Oder bewusst? Von selbstbewusst ganz zu schweigen. Er flippert durchs Leben, wird zu Hause so kleingehalten, wie er sich gemacht hat, wird selbst auf der Arbeitsagentur verspottet. Beim Versuch eines Versicherungsbetrugs hat er sich die rechte Hand mit der Kreissäge weggesägt. Lernt eine Frau kennen, die Sängerin werden will, aber natürlich eine Prostituierte ist. Schläft an seinem 50. Geburtstag mit ihr, anstatt im häuslichen Elend den blinkenden LED-Bilderrahmen zu würdigen, den ihm seine Ehefrau Martha geschenkt hat. Verliebt sich in die Prostituierte. Begeht zwei eher zufällige Totschläge, einen davon mit dem Bauschaum, dessen Diebstahl ihn seinen jüngsten Job gekostet hat. Bis es endlich ganz selbstbewusst in ihm reift: Umbringen klappt ja ganz gut. Dann kann auch die Alte weg! Für die Versicherungsprämie und für das vermeintliche Leben mit der Neuen.

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt

Wird aber nicht so einfach, denn in der gleichnamigen Miniserie gilt „Arthurs Gesetz”: Alles wird viel schlimmer, als man es sich hätte ausmalen können. In der von TNT Comedy produzierten Serie tobt Jan Josef Liefers sich sechs Folgen lang am anderen Ende seines aus dem „Tatort” gewöhnten sozialen Spektrums aus. Die Telekom hat sich die Vorab-Exklusivrechte gesichert und zeigt „Arthurs Gesetz” ab 31. August für die Entertain-Abonnenten. Und das passt, denn „Arthur” ist topbesetzte morbide Unterhaltung, die das Irgendwie-Leben im Nirgendwo-Deutschland zwischen brüllend komisch und fast schon betroffen machend karikiert. Abgeschmeckt mit ein paar Todesfällen. Für Freunde des Vergleichs: „Fargo” plus „The Increasingly Poor Decisions of Todd Margaret” plus „Hindafing” und ein paar Guy-Ritchie-Trottelgangster.

Eine schrecklich verrückte Familie

Martina Gedeck spielt Arthurs Frau Martha, die Faust in seinem Nacken und die Hand in seinem Geldbeutel. Ein tragisches Ereignis hat sie aus der Bahn und emotional fort von ihrem Mann geschleudert, aber sie kettet sich an ihn. Ihr bester Freund scheint der Paketbote, der alle Kompensationskäufe vom Massagesessel bis zum Fensterputzroboter ins Haus Ahnepohl schleppt, wo Arthur es abzustottern hat, auch wenn es verstaubt. Zusammen hält sie nur Marthas kriminelle Energie, mit der sie die Todesfälle zu vertuschen sucht, assistiert von ihrer Zwillingsschwester Muriel (ebenfalls Martina Gedeck), der Dorfpolizistin. Ein typischer Dialog beim Ahnepohl’schen Abendessen: Er: „Lass mich gehen, Martha. Ich will weg von dir.” Sie: „Ich lass doch nicht aus Spaß ’ne Leiche verschwinden. Das mach ich für dich. Du brauchst mich. Du liebst mich. Du bist mir ein besseres Leben schuldig, nach allem, was du mir angetan hast.”
So die Erwartungen. Die Realität ist, dass die Frau von der Arbeitsagentur (schwierig zu erkennen, noch schwieriger zu ertragen: Nora Tschirner) Arthur disst mit Sätzen wie „Die mit der meisten Freizeit haben es immer am eiligsten” und ihm auch noch sein kümmerliches Häuschen mit Blick auf die Felder hinter Klein Biddendorf nehmen will, weil es zu groß für einen Hartzer ist.

Rubrik „peppig“

Diese Frau Lehmann schätzt den gerade 50-Jährigen auf 60. Was kaum verwundert, denn Arthur ist vorzeitig gealtert. Er bevorzugt beige Jacken, die sonst an Goldhochzeitspaaren hängen. Er trägt Hemdmuster, die Martha im Katalog unter „peppig” bestellt hat, dazu Schuhe aus der Rubrik „praktisch”. Aus einem vermutlich ähnlichen Grund fährt er ein Damenrad; das Bein über die Stange zu schwingen wäre mehr getan als unbedingt nötig. Einzig die Brille hat er so viele Jahrzehnte getragen, dass sie zwischenzeitlich wieder modern wurde. Arthur hat es aufgegeben, mehr aus sich machen zu wollen, als Martha zulässt. Er ist ausgeliefert, fremdbestimmt, konstant überwältigt von den Umständen und will sich durchlavieren. Er bestellt „ein mittleres” Bier und ist konsterniert, wenn es nur groß oder klein gibt.
Man könnte „Arthur” das simple Armer-Mann-böse-Frau-Schema vorhalten. Oder die manchmal hölzernen Dialoge zwischen Martha und Muriel, die aber halt entstehen, wenn Schauspieler mit ihrem imaginierten Doppelgänger Szenen haben. Doch „Arthur” ist vor allem eines: saukomisch.

 

Der Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe 04/18. Darin widmen wir uns ausführlich neuen Trends in der HR-Branche. Cover-Story: Ex-StudiVZ-Chef Michael Brehm. Der will Menschen von KI coachen lassen, damit Bots sie nicht abhängen. Außerdem: Eine Stadt im Weltraum, der Coworking-Gigant Wework im Optimierungswahn und ein Dossier zum Thema HR. Mehr Infos gibt es hier.


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