Jeff Goldblum: “Für einen Spätentwickler habe ich es weit gebracht“

Schauspieler? Ein viel zu enger Begriff, will man Jeff Goldblum fassen: Der Mann ist 65, junger Vater zweier Kinder und steht permanent für alles vom Indie-Flick bis zum Mega-Blockbuster vor der Kamera – wenn er nicht gerade mit seiner Jazzband jammt.

Interview Ulrich Lössl

Herr Goldblum, kommen Sie direkt von einem Mode-Shooting?

Sehe ich nicht fantastisch aus? In diesem taubengrauen Anzug? Alles, was ich heute trage, ist übrigens von demselben Designer.

Waren Sie auf dem Rodeo Drive shoppen?

Ich habe mir schöne Sachen für meinen Europatrip ausgesucht. Und niemand wollte meine Kreditkarte. Und dieses Jackett behalte ich auf jeden Fall. Es passt auch perfekt zu Jeans. Das kann ich dann zu meinen Jazz-Gigs tragen. Ich spiele nämlich jede Woche, wenn ich in Los Angeles bin, im Rockwell. Das ist ein toller Jazzclub in Los Feliz, wo man auch sehr gut essen kann. Kommen Sie doch mal vorbei.

Treten Sie da allein auf oder mit Band?

Meistens mit Band. Wir nennen uns das Mildred Snitzer Orchestra. Wir spielen so ziemlich alles, von Jazzstandards wie „Summertime“ bis zum Titelsong von „Jurassic Park“. Manchmal spielen wir über drei Stunden lang. Wir können einfach nicht aufhören, weil es so viel Spaß macht. Ich kann da auch immer nach Herzenslust improvisieren. Das mache ich am liebsten. Ich bin dann völlig losgelöst vom Alltag, den Sorgen, dem Ärger. Ich spiele zwar schon sehr lange Klavier, aber das Spielerische habe ich erst relativ spät in meinem Leben entdeckt. Es ist seitdem eine große Bereicherung, die ich sicher nicht hätte, wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre.

Das überrascht. Hat man als Musiker nicht viel mehr Freiheit?

Jetzt wahrscheinlich schon. Aber als kleiner Junge in Pittsburgh habe ich schon sehr früh klassischen Klavierunterricht bekommen und all die schwierigen Passagen und Fingerübungen auswendig lernen müssen, bis meine Finger taub waren und bluteten. Das hat mir dann doch eher wenig Freude bereitet. Im Gegensatz dazu habe ich mich immer sehr wohlgefühlt, wenn mich meine Eltern ins Theater mitnahmen. Was die Schauspieler da auf der Bühne machten, fand ich absolut faszinierend. Es schien mir auch ziemlich leicht zu sein – gemessen an meinem Klavier-Drill. Außerdem schienen die Schauspieler auch alle viel Spaß zu haben. Also habe ich schon damals beschlossen, Schauspieler zu werden. Heimlich. Erst als ich mit der Highschool fertig war, habe ich mich getraut, es meinen Eltern zu sagen.

Und wie haben Ihre Eltern reagiert?

Relativ gelassen. Mein Vater hatte mir schon früher einmal den Rat gegeben, mir einen Beruf auszusuchen, den ich wirklich mit Leib und Seele machen will. Daran habe ich ihn erinnert – und damit war die Sache klar. Also bin ich mit 17 Jahren nach New York gegangen, um Schauspieler zu werden. Gott, war ich naiv! Natürlich merkte ich sehr schnell, dass die Schauspielerei alles andere als leicht war. Zum Glück hatte ich den berühmten Sanford Meisner als Schauspiellehrer. Er war wirklich erstklassig. Von ihm habe ich sehr viel gelernt. Sandy hat mir nicht nur meine Schüchternheit genommen, sondern mir auch sehr dabei geholfen, mich von meinem Seelenballast zu befreien. Jedenfalls vom Großteil.

Was hat Sie damals denn so belastet?

Ich fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut. Ich bin ja sehr groß, war ungelenk und ziemlich linkisch. Kurz gesagt: Ich war total unsicher, hatte auch große Angst zu versagen. Sandy hat mir Mut gemacht. Ich wurde etwas selbstsicherer und habe auch immer mehr gewagt. Da kam dann plötzlich auch der große Drang zu spielen. Die Schauspielerei hat mich definitiv zu einem Menschen gemacht, der gerne spielt! Ich liebe es wirklich über alles, so zu tun, als sei ich ein anderer Mensch – wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist. Dabei ist es mir völlig egal, ob das in einem kleinen Independent Movie ist oder wie jetzt in dem Blockbuster „Jurassic World: Das gefallene Königreich“. Da spiele ich wieder den Wissenschaftler Dr. Ian Malcolm, den ich vor 25 Jahren im ersten „Jurassic Park“-Film von Steven Spielberg dargestellt habe. Und auch jetzt hatte ich wieder eine ganz wunderbare Zeit.

Diesmal führte Spielberg ja nicht selbst Regie …

… aber er war natürlich von Anfang bis Ende auch bei diesem Film sehr involviert! Das ist ja auch das Faszinierende an Spielberg: Er hat immer jede Menge Projekte gleichzeitig am Laufen, aber bei jedem Film spürt man seine Handschrift. Seinen Atem.

Seinen Atem?

Ja, bei jedem Film, an dem er beteiligt ist, herrscht am Set eine ganz besonders angenehme, freundlich-entspannte Atmosphäre. Für mich ist so ein gutes Arbeitsklima extrem wichtig. Denn wenn während der Dreharbeiten die Stimmung nicht gut ist, oder – was ich oft genug erlebt habe – chaotisch, dann ist das für alle Beteiligten sehr frustrierend. Natürlich weiß man das oft erst, wenn man schon mittendrin steckt. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass die wirklich guten Regisseure meist auch sehr einfühlsam mit ihren Schauspielern umgehen. Das trifft auf Steven Spielberg absolut zu. Und natürlich auch auf andere Meister ihres Fachs, wie zum Beispiel Roland Emmerich, Robert Altman, David Cronenberg und Wes Anderson, mit dem ich vor Kurzem „Isle of Dogs – Ataris Reise“ gemacht habe. Und allesamt haben sie auch ein offenes Ohr für Improvisation. Bei Spielberg zum Beispiel fühlte ich mich immer – trotz der riesigen Budgets – wie in einem Workshop. Gut, man kann nicht wild improvisieren, das muss schon Hand und Fuß haben.

Muss man eine Art Technik beherrschen?

Ja. Eine gute Technik ist die absolute Voraussetzung dafür. Nur innerhalb der vorgegebenen Struktur kann man improvisieren. Das gilt fürs Schauspielern genauso wie fürs Musikmachen. Und wenn man darin Übung hat, ist nur der Himmel die Grenze. Aber es muss – wie alle große Kunst – immer sehr leicht aussehen. Wie Sie vielleicht wissen, gebe ich ja auch selber Schauspielkurse. Wenn ich da meine Schüler improvisieren lasse, finden sie es immer ganz toll und sind felsenfest davon überzeugt, dass so die Schauspielerei funktioniert. Da muss ich sie natürlich bremsen. Improvisation ist nur ein Puzzlestück. Es ist auch von essenzieller Wichtigkeit, seinen Text zu können und wirklich zu verstehen, was man da sagt. Außerdem muss man Emotionen wie auf Kommando abrufen können, und das – wenn möglich – überzeugend. Und man muss flexibel sein. „Mr. Goldblum, beugen Sie sich bitte nur ein wenig nach vorne, sonst reflektieren die Scheinwerfer in Ihren Brillengläsern. Und bitte zögern Sie mit Ihrer Antwort ein paar Sekunden länger, bevor Sie sich dann schnell nach links wegdrehen.“ Wenn mir ein Regisseur so eine Anweisung gibt, muss ich liefern. Und zwar sofort. Da ist nichts mit Improvisieren.


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