Chilly Gonzales: „Auf der Bühne musst du zum Tier werden“

Jason Beck alias Chilly Gonzales kennt man als Gaga-Rapper und Piano-Gott. Heute bringt er anderen bei, wie man Fans mit einer perfekten Performance ein Leben lang an sich fesselt.

Er will sich selber nicht mehr daran erinnern können, aber Gonzales hat einmal den sogenannten Entertainer Pledge geleistet. Da war Youtube noch sehr jung, und damals konnte man ein eindrucksvolles Video bestaunen: Steht da also ein zerzauster, vom vorher absolvierten Konzert noch sehr mitgenommener Zottelmensch in einem Backstage-Bereich und verliest schlurrend eine Art Manifest. Das alles festgehalten bei schummrigem Licht und mit Equipment, das offenbar aus dem Spendenfundus für die Medienwerkstatt eines Jugendzentrums stammte.

Jedenfalls behauptet Gonzales damals in etwa, dass er seine Karriere aufgeben würde, wenn er nicht in jedem Moment an das Publikum denken würde, wenn nicht jede Handlung darauf ausgerichtet ist, als Entertainer die Menschen im Publikum zu begeistern. Er rief außerdem dazu auf, dass andere Künstler diesen Schwur mit ihm ablegen, man sich deswegen bei Interesse bei ihm melden könnte. Das Video ist leider nicht mehr zu finden, aber das ist doch alles richtig erinnert, oder?

Das Gonzervatory

„Kann sein“, sagt Jason Beck, der Mann, der sich Gonzales nennt, Chilly Gonzales, eine Zeit lang auch mal The Musical Genius. „Kann sein, ich habe so viele Sachen gemacht, so viele Videos aufgenommen.“ Gonzales sitzt in einem Café in einer ruhigen Ecke von Köln und trägt ein sommerliches Outfit, mit dem sich schön der Begriff Freizeitkluft illustrieren lässt. Nach ein paar Minuten klingelt sein Telefon – es ist der Wecker. Er hat diesen Termin am Nachmittag nicht verschlafen wollen, den Alarm aber offensichtlich zu spät gestellt. Jedenfalls: „Kann sein, das mit diesem Entertainer Pledge. Da ist noch immer was dran. Es kommt mir so vor, als würde ich erst Musik machen, wenn ich vor einem Publikum stehe. Alles davor ist bloße Vorbereitung.“

Und ganz so verkehrt kann die Erinnerung nicht sein. Denn zwar hat er jetzt mit „Solo Piano 3“ ein neues Album, das gerade erschienen ist, und mit „Shut Up and Play the Piano“ sogar einen Film über Werk und Leben, aber das eigentlich interessanteste Projekt ist ein völlig anderes: eine Schule in Paris, das wunderbar mit der Marke Gonzales in Einklang benannte Gonzervatory, wo er neulich sieben Schüler aus allen Ecken der Welt unter die Fittiche genommen hat, um sie in die Kunst der, nun, Performance einzuweisen. „Auf der Bühne muss man zum Tier werden. Man ist ein Mensch, bis man die Bühne betritt. Dann vergisst man alles, den Respekt vor dem Werk.“

Chilly Gonzales
Gonzales, Piano-Gott. Foto: Alexandre Isard

Gonzales ist nicht der schlechteste Lehrer. Er ist der große Allesfresser, Allesverwender der Kultur. Schaut man mal ein bisschen zurück, dann sieht man, dass er sich durch den gesamten Katalog der Unterhaltungsbranche und der klassischen Musik gleichermaßen geräubert hat. Das fing schon früh an, als er mit seinem Bruder im Elternhaus in Montreal in den 80ern Musicals geschrieben hat, da war er gerade elf oder zwölf. „Ich würde sie als Rock-Operas bezeichnen“, erinnert er sich. Eine hieß „The Nose“ und war die Vertonung von Gogols gleichnamiger Novelle, allerdings angesiedelt im Wall-Street-Setting. Der Vater war Banker, „das haben wir versucht zu verarbeiten“. Erfolg war in der Familie wichtig, „wichtiger als Religion und auch wichtiger als bloßes Geld“.

Es ging darum, sagt Gonzales, dass man etwas für sich fand und damit großen Erfolg haben konnte. Sein Bruder Christophe Beck wurde ein sehr erfolgreicher Filmkomponist in Hollywood, während aus dem jüngeren Jason ein anderer wurde – eben Gonzales, eine Kunstfigur, die sich alles aneignet und in allem ausprobiert. „Ich sehe immer wieder Musiker, die so begabt sind wie ich, aber denen fehlt das Verständnis dafür, dass man nicht nur besessen sein muss vom Werk, sondern auch das Feedback des Publikums einbeziehen muss.“ Gonzales nennt dieses Mindset sein „Eye of the Tiger“-Denken, was wie fast alles bei ihm zwei Böden hat: einerseits der Hinweis auf die raubtierartige, maximale Konzentration, andererseits auch einfach, dass Menschen eben den großen, soßigen Rockhit schätzen und man ihnen damit recht gut sehr nahe kommt. Nicht genug damit, dass er scheinbar noch aus einer Kartoffel ein anständiges Menuett zaubern kann, jetzt will er dieses Wissen an Angehörige der nächsten Generation weitergeben. Und zwar institutionalisiert. Was bringt so einer denen bei?

Herr Beck, das Gonzervatory lehrt also nicht nur die Performance an sich, sondern auch den Umgang mit einem Publikum?

Natürlich, das ist wichtiger Bestandteil der neun Tage Unterricht. Entertainer sind Künstler. Ich würde sogar sagen: Entertainer sind Künstler, denen bewusst geworden ist, dass sie ein Publikum haben wollen.

Und Sie wollten immer ein Publikum?

Ja. Ich wollte immer mit dem Publikum verbunden sein. Ich würde sogar sagen, dass Entertainer eine Art fortgeschrittene Künstler sind, die nächste Stufe. Prince, Miles Davis, Man Ray, sogar John McEnroe, die haben nie in einem Vakuum gearbeitet, sondern haben sich zusammen mit einem System entwickelt, das sie neu erfunden haben oder neu erfinden wollten.

Ist das nicht sehr berechnend?

Nein, es bedeutet ja nicht, dass man sich ändert, um Leuten zu gefallen. Es geht darum, genau zu beobachten. Eine Verbindung herzustellen. Bei mir war es so: Mein Output war über zehn oder zwölf Jahre absolut chaotisch, weil ich auf der Suche nach Ideen war. Dann hat es weitere zehn Jahre gedauert, um das alles zusammenzubringen, was ich tun wollte – Rappen, dann die Figur des The Musical Genius, letztlich die sehr traditionsliebende Seite, wo ich mich vor dem Handwerk des Pianisten verneige. Dabei habe ich geschaut, was wie funktioniert.

Und dann bringen Sie das alles zusammen.

Ja, genau. Dann fängt auch erst die Arbeit an. Die Idee ist immer ein Funken, und dann will man alles schnell umsetzen. Es dauert aber, bis man zum Ende kommt.

Sie denken weniger wie ein Entertainer, eher wie ein Unternehmer. Vor ein paar Jahren brachten Sie etwa eine Klavierschule für Erwachsene auf den Markt …

… und ich habe noch die Pop Masterclass bei Einslive und, und, und. Stimmt. Das kommt von zu Hause. Mein Vater hat uns beigebracht, dass es sich lohnt, lange Zeit zu scheitern, bis man etwas hervorbringt, das sich lohnt. Das ist das Credo: etwas zu finden, das es noch nicht gibt, und es dann mit aller Energie umzusetzen.

Wie lief die Umsetzung des Projekts?
Nun, ich habe es zu 80 Prozent selber finanziert über Konzerte, die ich eigens dafür gegeben habe. Ich kann schlecht nach Unterstützung von öffentlicher Seite fragen, weil ich doch so ein großes Maul habe. Damit bin ich nicht die Art Künstler, die man gerne unterstützt.

Welche Künstler werden denn unterstützt?

Ach, eher welche, die so aussehen, als würden sie Hilfe benötigen. So sehe ich halt nicht aus.

Am Gonzervatory werden Schüler für die Dauer von neun Tagen von Gonzales und Gastdozenten wie der Songwriterin Feist oder Jarvis Cocker unterrichtet. Die Idee ist das Ergebnis eines Sabbaticals: Im Jahr 2016 hat Gonzales eine Auszeit genommen, ein ganzes volles Jahr ohne Deadline-Druck verbracht, zu großen Teilen in einem Haus in Montreal, aber auch seiner neuen Heimat Köln. „15 Jahre lang habe ich unter enormem Druck gearbeitet. Das war für mich der Idealzustand, Deadlines sind so hilfreich und wunderbar.“ Dann wollte er wissen, was mit ihm passiert, wenn er das alles mal nicht im Terminkalender hat: Konzerte. Alben. Kollaborationen mit anderen Künstlern wie Daft Punk und Drake. „Ich war ein Jahr lang wie ein Tech-CEO“, sagt er.

Er hatte also Zeit. Zeit für ein weiteres „Solo Piano“, den dritten und wohl letzten Teil des simpel-genialen Konzepts Mann am Klavier. Als er 2004 mit dem ersten Teil herauskam, war das ein heftiger Bruch. Nicht nur für ihn selber, der damals noch in Berlin lebte und in schwitzigen Buden mit Peaches die Nächte durchmachte, Electro-Zeugs aufnahm und rappte. Sondern auch für die Musikwelt: Verspielte, verspulte Klavierminiaturen, irgendwie meditativ, alle schienen eine Geschichte zu erzählen. Die Aufnahme war so roh, dass man den Hub der Tasten und das Ächzen des Hockers hören konnte. Das Ding verkaufte sich überraschend gut und machte aus Gonzales plötzlich einen ernsthaften Künstler. Da wurden dann in den Feuilletons die Infos rausgekramt, dass der ja nicht nur so ein dahergelaufener, schroffer Haken von einem Mensch war, der sich auf Bühnen austobte, sondern auch mal Jazz studiert hat und schon immer nachweislich ein großer Virtuose am Klavier gewesen ist.


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