„Mountain Dew ist nicht“ – Einblicke in die Welt der Esport-Profis

Esports boomt. Nicht nur die Zahl der Gamer nimmt zu, auch das Business um das weltweite, kompetitive Zocken wird immer weiter ausgebaut. Da wundert es nicht, dass hinter Esports-Profiteams mittlerweile eine ganze Armada an Coaches, Analysten und Sportwissenschaftlern steht. Wir haben mit Alexander Müller, Managing Director bei SK Gaming gesprochen. Er hat 35 Spieler unter Vertrag und weiß Bescheid über die Professionalisierung in Esports, die Anforderungen an die Spieler und die Zukunft der Branche.

Herr Müller, was macht der Managing Director einer Esports-Firma?

Ich führe als Geschäftsführer ein kleines mittelständisches Unternehmen. Wir bei SK Gaming sind eine Marke. Wir stehen für Emotionen bei Computerspielen und Computerspielern. Das geht in die Richtung wie bei einem Fußballverein oder Basketballclub: Du hast ein Produkt, das mit sehr extremen Gefühlen verknüpft ist.

Mit der Betreuung des Teams haben Sie nichts zu tun?

Nein, dafür haben wir Spezialisten. Ich bin aber nicht außen vor. Im Herbst vergangenen Jahres waren wir mit unserem Counterstrike-Team in Kopenhagen und weil kein Coach dabei war, habe ich hinter dem Team gestanden. Der Pokal steht zwei Räume weiter, es hat also ganz gut geklappt.

Sie haben eben Spezialisten angesprochen. Welche Experten unterstützen das Team?

Coaches und Analysten. Coaches sehen das große Ganze, die sehen den Teammix, wie das Team in den Teamfight reingeht. Die Analysten schauen nur auf Daten, bereiten dich auf den Gegner vor. Sportpsychologen.

Außerdem haben wir eine Partnerschaft mit dem 1.FC Köln, die darauf abzielt, dass unsere Athleten in Sachen Physis aber auch Ernährung vom selben Staff wie die Profispieler betreut werden, Trainingspläne bekommen. Ein bis zwei Mal im Jahr gehen unsere Spieler durch den selben Sporttest wie die Profis, um zu schauen: Wie sieht das Blut aus, wie sieht das Belastungs-EKG aus. Die Frage ist: Wie können wir die Spieler für Stress – und nichts anderes sind die Turniere ja – fit machen.

Jetzt zum Herz des Teams, den Spielern. Wie sieht deren Alltag aus?

Unterschiedlich. Wir haben im Moment ein Gaminghaus für unser Clash-Royale-Team in den USA. Das komplette Team, inklusive Coach und Social-Media-Team, haben wir in Los Angeles untergebracht. Da leben die Spieler für drei Monate. Dadurch, dass Ligabetrieb ist, gibt es einen sehr strikten Tagesablauf: früh aufstehen, gesund frühstücken und Sport, damit der Kreislauf hochfährt. Nur eine Tasse Kaffee und Mountain Dew  ist nicht (Anm. d. Autors: Mountain Dew ist offizieller Partner von SKG). Und Training, logisch: Individuelles Training, Teamtraining, Strategiebesprechung, „watching film“, sprich, wie hat der Gegner gespielt, gibt es ein Muster. Hier in Köln haben wir einen großen Trainingsraum, fünf Plätze plus Coach. Aber auch eine Sofaecke mit großem TV, in der man eine Analyse schauen oder einfach relaxen kann. Während die Spieler hier sind, wohnen sie in Hotels. Die haben hier dann einen ganz normalen Office-Tag.

Sie haben die Kooperation mit dem 1.FC Köln erwähnt. Das hört sich ja bereits sehr professionell an. Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?

Wir wollen alle Aspekte des Spielers mit einbeziehen, sowohl in die Analyse, wie wir ihn bei uns sehen, als auch dahingehend, wie wir ihn auch über Jahre hinweg Pokale gewinnen lassen. Da sind mehrere Bereiche interessant: Der eine ist das soziale Umfeld. Es ist nicht gesund, wenn beispielsweise unser Counterstrike-Team an Kilometern pro Jahr fünf Mal um die Welt fliegt, 15 Turniere spielt, und nur aus dem Koffer lebt. Denn das heißt du bist auch einsam, hast keine Freunde dabei, keine Familie, keine Freundin. Klar, du hast Teammates, aber das sind jetzt auch nicht deine besten Freunde.

Eher Arbeitskollegen?

Sogar noch explosiver. Du bist in einer Umgebung, wo fünf Jungs auf unfassbar hohem Niveau spielen. Du öffnest dich denen um dich herum nicht und die haben da auch kein Verständnis für, wenn du mal traurig bist. Da kann die Balance ganz schnell kippen, bloß, weil jemand ein ganz normales menschliches Gefühl in sich herumträgt und es wegen des Leistungsdrucks nicht raus bringt.

Da brauchst du dann Sportpsychologen. Da musst du mit dem Teamkapitän reden: „Holt den mal ab, sprecht mal mit dem, der Turniersieg ist gerade überhaupt nicht wichtig“. Vielleicht ziehst du das Team sogar aus dem Turnier raus oder schickst die Spieler nach Hause. Der Spieler muss das Gefühl haben, dass er hier zu Hause ist. Wir sind keine Ersatzfamilie aber ein festes soziales Umfeld. Im Bereich Ernährung ist auch noch viel Luft nach oben.

Sehen wir irgendwann buchstäblich durchtrainierte, fitte Athleten?

Spannende Frage. Im linearen Fernsehen haben viele noch das Problem, den Computerspieler als Athleten zu begreifen. Das fand ich interessant, weil sie es ja auch schaffen, einen 300 Pfund NFL-Koloss in Szene zu setzen, aber auch einen Spargeltarzan wie Jens Weisflog (ehemaliger Skispringer). Der Esportler steht da irgendwo in der Mitte und wir wollen, dass er fit ist, um Stress zu absorbieren. Das ist ein Unterschied zwischen Esport und Fußball: Der Stress ist derselbe, aber Esportler können ihn nicht abbauen. Wenn Robben und Ribéry vom Feld laufen, lassen die ihren Stress da. Das können unsere Spieler nicht.

Bei so intensiver Professionalisierung, kann ein Otto-Normalspieler überhaupt noch mitreden?

Ja. Es ist ein offenes System. Was man aber nicht vergessen darf: Computerspiele gut spielen hat mit dem, was die Jungs machen, nichts zu tun. Die geben einen Teil ihrer Jugend auf, müssen Leistung abrufen, auch wenn sie gerade mal keine Lust haben. Sie gehen an die Grenzen, wo Computerspiele noch Spaß machen. Aber wir scouten immer.

Wie läuft das ab? Wie findet ihr Nachwuchstalente?

Teilweise werden wir von ehemaligen Spielern beraten, die sagen: Ich trainiere mit dem und dem, der wird Großer. Topspieler sehen das. Den gucken wir uns bei kleinen Turnieren an oder lassen uns Trainingsreplays schicken. Wir gucken uns aber auch an: Wie agiert er auf Twitter? Spuckt er nur große Töne oder ist das einer der humble ist, smart kommuniziert.

Esports ist längst in aller Munde. Trotzdem ist es noch mit einem gewissen Stigma behaftet. Fehlt vielleicht eine lokale Komponente? Überspitzt gesagt: League of Legends Kreisliga Salzdetfurth?

Weiß ich nicht. Esports hat natürlich viele Gemeinsamkeiten mit dem klassischen Sport. Wir müssen Esports aber eine gewisse Natürlichkeit lassen. Wir haben mal eine Europameisterschaft mit Nationalmannschaften ausprobiert – hat nicht funktioniert. Die Leute haben sich nicht hinter ihr Land gestellt. Esports ist ein Teamding. Die Leute stellen sich hinter SK oder G2. Daran sollten wir weiterbauen. Ich kann mir vorstellen, dass wir irgendwann für den Standort Köln stehen. Aber Esports ist ein globales Phänomen. Es wäre ein falscher Ansatz, uns nur auf ein Kölner Team zu reduzieren. Wir wollen die besten Athleten und wenn es ein Kanadier ist, wenn es ein Chinese ist, völlig egal.

Wie sieht es mit Frauen in Profiteams aus? Esports ist momentan ja klar männerdominiert.

Frauen würden wie männliche Kollegen einfach dazu kommen. Wir hatten über Jahre hinweg das beste female Counterstrike-Team. Die hatten exakt dieselben Voraussetzungen, finanziell sowie spielerisch. Wir machen da keinen Unterschied. Aber andersherum gab es einen Unterschied: Die Mädels waren echt früh hier und wenn ich ankam, stand für mich schon ein Kaffee auf dem Tisch. Das habe ich bei den Jungs nie erlebt, die haben immer nur Chaos hinterlassen.

Trotzdem glaube ich, dass die Jungs da einfach einen Ticken weiter vorne sind. Die haben einfach mehr Stunden reingeklotzt. Aber hungriger sind die auch nicht. Die Mädels haben bei Turnieren auch gesagt: „Wir wollen die Gegner jetzt zerstören.“ Aber klar, ein gemischtes Team würde eine andere Dynamik haben. Das meine ich überhaupt nicht qualitativ. Bisher hatten wir aber noch kein gemischtes Team.

In Zukunft könnte es also ein gemischtes Team geben?

(Überlegt kurz) Also wir haben da null Berührungsängste. Ich würde es begrüßen, wenn mehr Mädels den kompetitiven Aspekt des Esports für sich entdecken.

Wie wird Esports sich in unmittelbarer Zukunft entwickeln und wie sieht es in 25 Jahren aus?

Wenn man fünf Jahre zurückschaut, konnten Spieler passabel Geld verdienen und ein bisschen was auf die Seite legen. Heute können Spieler ihre Familie ernähren, Polster aufbauen und für den Übergang in ein anderes Berufsfeld vorsorgen. Die Berufschancen und Lebensmöglichkeiten sind komplett andere. Vor sieben Jahren war es ein echt guter Studentenjob. Heute würde ich sagen: Willst du jetzt dein Studium durchziehen oder willst du schauen, dass du ein bis zwei Millionen aufs Konto kriegst? Denn Profis können ein hohes fünfstelliges Monatseinkommen erreichen.

In Zukunft müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu viele Angebote haben. Das heißt: Top-Teams müssen sich ein bisschen rarer machen – auf Tennis übersetzt: Nur noch die Grand-Slam-Turniere spielen. Wir wollen die Spieler anders betrachten, ihnen mehr Werkzeuge an die Hand geben, um länger spielen zu können. Wir wollen natürlich ein attraktiver Partner sein. Zu SK gehen soll heißen: Das ist mega. Und zur Frage: Können wir mehr Zuschauer? Ja, wir können.


Ernst Jordan

Ernst schreibt gelegentlich für den Postillon. Ansonsten bespielt er noch einen ausgesprochen wenig erfolgreichen Twitteraccount (@DasErnstBeste) ausgesprochen lieblos. Dann noch ein bisschen Utopien lesen und der Tag ist gefüllt.

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