Diese Software trackt die Produktivität von Mitarbeitern

Das Londoner Startup Status Today hat eine Software entwickelt, die trackt, was Mitarbeiter den lieben langen Tag so machen. Co-Gründer und CEO Ankur Modi erklärt, warum davon nicht nur der Chef profitiert.

Herr Modi, Ihre Software verspricht Unternehmen Insights bezüglich der Produktivität und des Wohlbefindens der Mitarbeiter. Wie funktioniert das?

Wir messen die Aktivität von Mitarbeitern in der Firmeninfrastruktur. Unsere Software wird an die Cloud-Management-Systeme von Google oder Microsoft angedockt und trackt dort Logfiles, die mit dem Senden von E-Mails oder dem Bearbeiten von Dateien zusammenhängen. Wir bleiben aber auf der Firmenebene und installieren keine Software auf den Computern der Mitarbeiter – denn das wäre Überwachung, und das wäre nicht in Ordnung.

Aber die gewonnenen Daten können schon einzelnen Mitarbeitern zugeordnet werden.

Ja. Aber die Software kann keine Inhalte auslesen, und wir erhalten keine Informationen über die Personen oder ihre Endgeräte.

Wie kann aus Logfiles gefolgert werden, wie produktiv jemand ist und wie er sich bei der Arbeit fühlt?

Oft gibt es für Arbeitgeber keinen objektiven Weg, herauszufinden, ob ihre Mitarbeiter überlastet sind. Wir können helfen, die Arbeitsbelastung zu messen und Ursachen zu finden. Außerdem können Arbeitgeber herausfinden, wo ihr Unternehmen nicht effizient ist.

Haben Sie mal ein Beispiel?

Wir haben mehrere Kunden, die festgestellt hatten, dass ganze Gruppen ihrer Mitarbeiter unter E-Mail-Overload litten, was diese unter Druck gesetzt hat. Wir fanden heraus, dass bestimmte Führungskräfte schuld waren, die ihrem Team immer spätabends oder am Wochenende E-Mails schrieben. Die Manager waren überzeugt, dass das nur hin und wieder passieren würde – aber wir konnten beweisen, dass es permanent vorkam. Daraufhin stellten die Unternehmen die Regel auf, dass Manager Mitarbeitern spätabends und am Wochenende keine Mails schreiben sollten. Und, was viel wichtiger ist, die Mitarbeiter sollten sich nicht länger verpflichtet fühlen, außerhalb der Arbeitszeit ihre Mails zu beantworten.

Okay, auch Mitarbeiter profitieren von diesem Tracking. Wie ist die rechtliche Situation?

Wir halten uns streng an die Gesetze der Länder, in denen wir operieren. Damit es nicht zu Missbrauch kommt, ist aber entscheidend, wie die gewonnenen Informationen aufbewahrt und verarbeitet werden. Wir halten Unternehmen an, ­sicherzustellen, dass ihre Mitarbeiter wissen, dass diese Daten gesammelt werden, dass das vertraglich festgehalten wird und dass der Umgang mit den Daten transparent ist.

Inwiefern transparent?

Wir haben das System so gebaut, dass theoretisch jeder Mitarbeiter Zugang zu den Reports über sein Stresslevel und seine Produktivität bekommen kann. Ob dieser Zugang gewährt wird, liegt bei den Unternehmen. Wir sind der Meinung, dass die Informationen unbedingt mit den Mitarbeitern geteilt werden sollten, damit sie ihre Leistung selbst besser einschätzen können. Das sorgt nicht nur für Transparenz, sondern auch für Vertrauen.

Können Mitarbeiter sich mit ihren Kollegen vergleichen?

Wir achten sehr auf die Privatsphäre jedes Einzelnen, darum erlauben wir keine individuellen Vergleiche. Aber der einzelne Mitarbeiter kann sehen, wie er im Vergleich zum Durchschnitt der Firma und im Vergleich zu anderen Teams performt. Das zeigt ihm zum ersten Mal schwarz auf weiß, wie gut oder schlecht er arbeitet, ob er genug oder zu viel arbeitet und ob er wirklich produktiv ist. Statt sich auf die Einschätzung vom Chef verlassen zu müssen, gibt es nun objektive Daten.

Werten die Unternehmen die Daten selbst aus?

Nein. Wir haben einen Wellness-Index entwickelt, der das Wohlbefinden der Mitarbeiter auf einer Skala von null bis zehn einordnet. Die meisten Unternehmen schneiden auf dieser Skala nicht gut ab und sollten unbedingt daran arbeiten, sich zu bessern.

Wie kommt der Wellness-Index zustande?

Unser Index bezieht Dinge ein wie den Belastungsdurchschnitt der jeweiligen Branche, Arbeitsgesetze des entsprechenden Landes oder Studien, die untersucht haben, ab welchem Belastungsgrad Menschen sich ernsthaft schaden. Durch diesen Index können wir beispielsweise auch das Verhältnis von Belastung und Effizienz zeigen. Dann sieht man, dass Leute, die Überstunden machen, nicht zwangsläufig mehr schaffen als die, die pünktlich nach Hause gehen. Wir teilen den HR-Abteilungen und Führungskräften aber nicht nur mit, wo ihr Score liegt und was das bedeutet, sondern auch, was sie gegebenenfalls tun können, um besser zu werden.

Zum Beispiel?

Einerseits geben wir direkt über die Plattform Tipps und stellen Artikel oder Studien zur Verfügung, die den Führungskräften helfen sollen, bessere Chefs zu werden. Andererseits wollen wir Unternehmen, die wirklich Hilfe benötigen, mit entsprechenden Experten und Beratern zusammenbringen.

Welche Branchen sind besonders interessiert an Ihrer Software?

Die Branche ist nicht das entscheidende Kriterium. Die größte Nachfrage kommt von mittelständischen Unternehmen mit 50 bis 1 000 Mitarbeitern, weil diese einen größeren Bedarf an Transparenz haben. Wenn in kleinen Unternehmen nur eine Person ihren Job nicht richtig macht, kann das dazu führen, dass die Firma einen Kunden verliert. Außerdem profitieren diese Unternehmen extrem davon, über uns ihre Effizienz mit dem Rest der Branche vergleichen zu können, weil sie weder das Geld noch die Ressourcen haben, anderweitig an diese Informationen zu kommen. Auch wir profitieren mehr davon, wenn sich statt weniger großer Konzerne Tausende kleine Unternehmen aus aller Welt bei uns anmelden, weil wir nur so verstehen können, wie eine bestimmte Branche arbeitet.

Warum ist es für Sie wichtig, das zu wissen?

Genauso wie wir Transparenz in einzelne Unternehmen bringen, wollen wir aufdecken, wie es um das Wohlbefinden und die Produktivität der Mitarbeiter in einer bestimmten Branche, einem bestimmten Land, einer bestimmten Stadt steht. Ich denke, innerhalb der nächsten sechs Monate werden wir genügend Unternehmen auf unserer Plattform haben, sodass wir anfangen können, Branchenreports zu veröffentlichen: Wie ist die jeweilige Produktivität, wie viele Überstunden werden gemacht, welche Länder schneiden wie ab? Wir wollen diese Informationen veröffentlichen, damit Unternehmen und Führungskräfte zur Verantwortung gezogen werden, die entsprechende Situation zu verbessern. Im Gegenzug können wir den besten Unternehmen der Welt helfen, objektiv zu beweisen, dass sie gute Arbeitgeber sind, weil die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter oder deren geleistete Arbeit führend in der ganzen Branche ist. So müssen sie nicht mit Benefits und Partys werben. Es wird für viele Führungskräfte ein Kulturschock, so datengetrieben zu arbeiten.

Bevor Ankur Modi 2015 Status Today mitgründete, arbeitete er als Data-Scientist und Software­entwickler bei Microsoft. Im vergangenen Jahr schaffte er es in der Rubrik Technologie auf die „Forbes 30 Under 30“-Liste.

Der Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe 04/18. Darin widmen wir uns ausführlich neuen Trends in der HR-Branche. Cover-Story: Ex-StudiVZ-Chef Michael Brehm. Der will Menschen von KI coachen lassen, damit Bots sie nicht abhängen. Außerdem: Eine Stadt im Weltraum, der Coworking-Gigant Wework im Optimierungswahn und ein Dossier zum Thema HR. Mehr Infos gibt es hier.


Tanja Lemke

Tanja ist Print-Redakteurin bei Business Punk. Wenn sie nicht gerade über Startups oder Musik schreibt, tingelt sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit durch irgendein asiatisches Land.

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