Alex Gross verhöhnt in seinen Bildern unsere Gegenwart

Gutes Timing ist Kunst

Gross geht es um etwas anderes: „Mich haben leere Augen schon immer interessiert, dieser neutrale Gesichtsausdruck. Wenn man jemanden fröhlich darstellt, dann ist für den Betrachter nicht mehr viel Spielraum für die eigene Wahrnehmung und Reflexion.“ Und noch etwas hat ihm in die Karten gespielt. Er, der soziale Netzwerke verabscheut – seine Ausstellung „The Antisocial Network“ war im Frühjahr 2017 ein großer Erfolg –, profitiert natürlich vom Misstrauen gegenüber den Datenkraken aus dem Valley. Als seine Ausstellung begann, nahmen auch langsam die ganzen Skandale vor allem um Facebook öffentlich an Fahrt auf. „Das war damals doch alles kein Geheimnis mehr. Das Wissen war ja schon jahrelang vorhanden: die Manipulation, der Datenverkauf, die US-Wahl 2016“, sagt Gross. Nur muss man ihm tatsächlich gratulieren, dass er mit dem wohl unflexibelsten und zeitaufwendigsten Medium, nämlich der großleinwandigen Ölmalerei, ein perfekt getimtes Statement zur Zeit liefern konnte.

Spätestens seit dieser Ausstellung läuft die Karriere noch ein bisschen heißer. Nur, wie ist es, wenn man als Verächter der Plattform vor allem über Instagram neue Bewunderer findet? „Für mich als Künstler ist das ein großer Zwiespalt. Ich habe über Instagram schon Originale verkauft. Andererseits: Gerade Instagram ist dafür verantwortlich, dass Menschen denken, ihr Leben wäre ungenügend.“ Gross hat sich vorgenommen, nur noch alle paar Tage ein Werk zu posten, dann schnell wieder raus aus der App, Benachrichtigungen aus, fertig. Er denkt nach: „Ich frage mich, wie weit sie es noch treiben können, bis die Leute keine Lust mehr haben. Früher gab es in der App keine Werbung, mittlerweile ist jeder fünfte, manchmal jeder dritte Post eine Anzeige.“

Apropos Anzeige: Gross bringt in seinen Gemälden immer wieder gerne Logos und Produkte von Dior, Gucci und Apple unter, den großen Ausstattern der Anspruchslosen. Die Logos sind prominent platziert, unverstellt, rein, dennoch ist es überhaupt nicht vorstellbar, dass eines dieser Unternehmen mit Freude auf die Idee käme, sich das Ding ins Foyer zu hängen. Zu unterkühlt, zu kommentierend sind die nüchternen Werke, als dass der Kunstbeauftragte durchklingeln würde. Im Ritz-Carlton hängt ja auch keine von Edward Hoppers klirrkalten Hotelzimmerszenen.

Außerdem hat Gross seit einiger Zeit einen neuen Gegenstand, weg von den Konzernen und ihren Insignien, hin zur Politik: „Ich muss irgendwas tun, handeln, meinem Ärger Luft machen.“ Klar, in der Wahrnehmung eines sensibler empfindenden Menschen verblassen gegen Trump alle anderen Probleme recht schnell: „Viele in den USA waren so unfassbar schockiert, dass dieser unglaubliche Idiot, diese dumme, narzisstische Fassade eines Menschen zum Präsidenten gewählt wurde.“ Gross war es ebenfalls und beschloss nach einer Weile, diesen Schock zu verarbeiten. „Jemand sagte: ‚Mal doch Trump!‘ Ich dachte: Das will doch niemand sehen.“ Eben doch, stellte sich heraus, vor allem, weil Gross nicht den direkten Weg wählte, sondern sich mit „Lady G Slays the D“ auf die Renaissancemalerei von Vittore Carpaccio beruft. Der Kampf der selbst erklärten Social Justice Warrior Lady Gaga gegen Trump wird als der legendäre Kampf des Heiligen Georg gegen den Drachen dargestellt, in den Details lassen sich andere Prominente ausmachen – ein Gegenwartssuchbild, das sich geschickt einen uralten Anstrich gibt. Gross sagt: „Ich wollte nicht beim Arbeiten monatelang Trumps Gesicht angucken müssen. Dann fiel mir ein, dass ich ihn auf eine Weise darstellen müsste, die mir keine Probleme macht.“ Als Drache ging es dann.

Ende des Smartphones

Einige haben sich an der offenen Gewaltdarstellung gestört, waren aber ansonsten d’accord mit dem Werk. In seiner Bubble aus Freidenkern und Künstlern wählt man nicht rechts. Aber eigentlich will er sich wieder normalen Menschen widmen, ihren normalen Situationen, auch wenn er sagt: „Es macht mich fertig, dass die Leute nur noch auf ihr Smartphone starren.“

Da passt es ja, dass wir uns in den kommenden Jahren vom Smartphone lösen werden: Welche Trends sieht Gross auf uns zukommen? Womit wird er sich in der Zukunft beschäftigen müssen, um die Zeit abzubilden? Er denkt lange nach, sagt dann mit seiner Sechs-Uhr-Stimme matt: „Ich habe keine Ahnung. Ist mir auch völlig egal.“ Klar, irgendeine Echse wird es schon aufs Gemälde schaffen. Und in der Zwischenzeit bietet allein die Gegenwart genügend andere Gadgets zum Verarbeiten: Erst neulich hat Snap zwei neue Kamera-Brillenmodelle rausgebracht. Gut für Gross: Ein leerer Blick lässt sich nur noch vom Insektenaugen-Look von Sonnenbrillen toppen.

 

Der Beitrag stammt aus unserer aktuellen Ausgabe 05/18. Im Titel erzählen wir von Bitcoin-Wunderkind Marco Streng, der den globalen Krypotowährungsgiganten Genesis Mining aufgebaut hat. Außerdem: In unserem Dossier „Streaming“ widmen wir uns der Technologie, die die Entertainment-Branche einmal komplett umgekrempelt hat. Weitere Infos gibt es hier.


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder