Staff Picks: “Toni Erdmann“ hält unserer Generation den Spiegel vor

Im Sommer 2016 habe ich mich in ein Kreuzberger Kino verkrochen. „Toni Erdmann“ war in aller Munde. Filmkritiker, Feuilletonisten und Hochkulturfanatiker feierten den neuen Film von Maren Ade als Meisterwerk des deutschen Kinos.

Und ich muss gestehen: Auch ich war mehr als beeindruckt. Es waren dabei weniger die Charaktere oder die Bildsprache, sondern vielmehr das Gefühl, den Spiegel vorgesetzt bekommen zu haben. Natürlich lässt sich ein Werk unterschiedlich interpretieren – ich empfand den Film vor allem als stillen Vorwurf an unsere Generation, die sich ganz dem Wettbewerbs- und Karrierediktat verschrieben hat. Dabei bleiben nicht nur Freunde auf der Strecke, sondern auch oft die eigene Familie. Um den „Aufstieg“ zu schaffen, verlieren viele den Kontakt zu den eigenen Eltern oder Geschwistern. Unter Soziologen ist dieses Phänomen bekannt. In diversen Studien wurde nachgewiesen, dass viele Bildungsaufsteiger ihre Herkunft leugnen, weil sie materiell wie kulturell mit der neuen Umgebung nicht mithalten können. Und genau in diese Wunde legt „Toni Erdmann“ den Finger…

Lange Rede, kurzer Sinn: Schaut euch diesen Film an. Er macht sehr nachdenklich – und genau dafür ist doch Kunst da.


René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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