Twitch: Von der Nische zum Mainstream

Back to the roots und darüber hinaus

Das ist vermutlich eine gute Idee – und ein Hinweis, wie wichtig das Selfstreaming noch werden wird. Denn man kann Twitch und seine Copy-Cats durchaus als Vorreiter einer neuen Form des interaktiven Live-Entertainments sehen, der es gelingt, das Second-Screen-Phänomen – „Tatort“ auf dem Fernseher, Läster-Tweets auf dem Smartphone – abzulösen, indem alle Inhalte wieder auf einem Screen vereint werden. Und damit auch die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers. In Anbetracht der Inhalte, die Twitch derzeit dominieren, wäre es verfrüht, von der Rettung des linearen Fernsehens zu sprechen. Aber die Richtung stimmt.

Diese Entwicklung birgt eine gewisse Ironie, bedeutet sie am Ende ja, dass die Zukunft von Twitch zugleich eine Rückkehr zu den Ursprüngen der Jeder-Mensch-ein-Sender-Plattform Justin.tv ist. Begonnen hat dieser Prozess mit der Einführung neuer Rubriken wie Social Eating oder Creative für Musiker. Ende 2016 folgte die Rubrik IRL. Streamer könnten dort „ihren Alltag, ihren Gedanken und Ansichten mit ihrer Community“ teilen, jubelte Twitch-CEO Emmett Shear seinerzeit. Einige Nutzer dagegen waren irritiert bis erbost. Sie sahen den Fokus auf Gaming – darum hatte man Twitch ja einst aus Justin.tv ausgegliedert – in Gefahr. Manche prophezeiten gar das baldige Ende der Plattform.

Twitch hat den Shitstorm überlebt, aber auch seine Lektion gelernt. Bei jeder Gelegenheit wird nun betont, man hege keine Ambitionen, den Fokus auf Gamer aufzugeben. Und fragt man Leimbrock direkt, ob es eine Strategie gibt, aktiv über andere Inhalte neue Zielgruppen zu erschließen, zögert er keine Sekunde: „Die klare Antwort ist: Nein.“ Aber man unterbinde auch keine Inhalte. „Jeder, der möchte, kann zu uns kommen und streamen“, sagt Leimbrock. Die Botschaft: Wir machen aus Twitch zwar nicht die neue Schminktutorial-Bude, aber wenn Influencer aus anderen Bereichen zu uns kommen, werden wir sie sicher nicht verjagen. „Wir haben schon jetzt Talkshows, Kochshows, Leute, die verreisen und live darüber erzählen. Von diesen Dingen werden wir mehr sehen“, sagt Leimbrock. Und da klingen schon Ambitionen an, zur nächsten großen Plattform nach Youtube, Facebook und Instagram zu werden.

Dabei hilft, dass immer mehr Prominente Twitch für sich entdecken. Bushido ließ Mitte August via Twitter wissen, er sei „jetzt offiziell auf Twitch“. Seine Ankündigung und eine Handvoll Streams reichten aus, knapp 100 000 Follower zu gewinnen. Prominente sind eben immer noch ein guter Weg, eine Nutzerschaft jenseits des Stammpublikums aufzubauen. Leimbrock widerspricht aber dem naheliegenden Verdacht, „dass wir da irgendwelche großen Deals gemacht haben“. Die Wahrheit sei einfach: „Bushido ist ein Zocker.“

Das größte Potenzial, Twitch vom – gleichwohl riesigen – Nischenphänomen zur Mainstreamplattform zu machen, könnte aber in Inhalten stecken, die gar nicht von Streamern exklusiv für die Plattform produziert wurden. Schon seit einiger Zeit gibt es bei Twitch auch Content von Drittanbietern zu sehen. Man veranstaltet sogenannte Marathons, wo hintereinander weg zig Folgen etwa von „The Joy of Painting with Bob Ross“ oder der Comicserie „Pokémon“ ausgestrahlt werden.

Nun geht die Plattform noch einen Schritt weiter. Ende September startete ein Experiment, das entscheidend für die Zukunft von Twitch werden könnte: Als Teil eines Deals zwischen dem Mutterkonzern Amazon mit der NFL überträgt Twitch in der laufenden Saison das Donnerstagsspiel der US-Football-Profiliga. Ausgewählte Partner können den Stream auf ihrem Kanal live kommentieren und wie gewohnt mit den Zuschauern interagieren. Sollte dieses Experiment funktionieren, hätte Twitch einen weiteren Proof of Concept: interaktives Sportfernsehen. Und das klingt dann schon ziemlich zukunftsfähig.

 

Der Beitrag stammt aus unserer Ausgabe 05/18. Im Titel erzählen wir von Bitcoin-Wunderkind Marco Streng, der den globalen Krypotowährungsgiganten Genesis Mining aufgebaut hat. Außerdem: In unserem Dossier „Streaming“ widmen wir uns der Technologie, die die Entertainment-Branche einmal komplett umgekrempelt hat. Weitere Infos gibt es hier.

 


Christian Cohrs

Christian ist der Redaktionsleiter bei BUSINESS PUNK und legt großen Wert darauf, dass Startups nicht in Schmieden hergestellt werden. Wenn er nicht an den Texten von Autoren herummäkelt (das ist nun einmal sein Job), schreibt er über Gründerthemen, Gewissensfragen und Schnaps.

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