Crime: “Dieses Monster hat einen Namen für mich – Bernard Madoff“

Er schuf sich ein exklusives Klientel. Lehnte bestimmte Investoren sogar ab, nahm nicht alle sofort in seinen Fonds auf. Manchen gab Madoff erst nach einem zweiten Gespräch die Möglichkeit, ihr Geld anzulegen. Die Masche funktionierte. Was man nicht haben kann, will man schließlich umso mehr. Irgendwann musste Madoff sich gar nicht mehr um Investoren bemühen, sie schmissen ihm ihre Ersparnisse regelrecht vor die Füße.

Es war ein abgekartetes Spiel. Nicht jedoch, wenn man die Sache aus Madoffs Perspektive betrachtet: „Ich habe ihnen allen gesagt: ‚Investiert nicht mehr Geld, als ihr euch leisten könnt zu verlieren. Das ist die Börse. Hier kann immer irgendwas passieren. Maklerfirmen können sich irren. Ich könnte verrückt werden und etwas Dummes machen. Wenn ihr etwas Sicheres wollt, investiert euer Geld in Staatsanleihen‘“, erzählte Bernie Madoff zwei Jahre nach seiner Verhaftung 2009 dem US-Journalisten Steven Fishman in einem Interview.

Die Bombe platzt – mit schweren Folgen

Doch nicht nur superreiche Privatleute investierten in Madoffs Investmentfirma. Auch Banken, Hedgefonds und Wohltätigkeitsorganisationen. So kam es, dass auch Kleinbürger, die ihre Ersparnisse einer Bank anvertrauten, indirekt Opfer von Madoffs Schneeballsystem wurden. Er hat sie also alle hintergangen: Prominente wie Steven Spielberg, Superreiche und sogar seine eigenen Freunde. Heute, zehn Jahre später, weiß man: Insgesamt sollen bis zu 65 000 Opfer aus 136 Ländern eine Entschädigung fordern.

Madoffs Verbrechen brachte nicht nur ein finanzielles Desaster mit sich. Es forderte mehrere Menschenleben. Der französische Vermögensberater Thierry Magon de la Villehuchet schnitt sich die Pulsadern auf, kurz nachdem die Schneballsystem-Bombe platzte. William Foxtor, ein ehemaliger britischer Offizier, hatte sich erschossen. Seine gesamten Ersparnisse hatte er dank Madoff verloren. Und sogar Madoffs eigener Sohn Mark beging Selbstmord. Zwei Jahre nach Madoffs Beichte im Dezember 2008. Auf den Tag genau. Sein anderer Sohn starb 2014 an Krebs. Seine Frau möchte nichts mehr von ihm Wissen.

Vielleicht hätte das alles vermieden werden können. Dass Madoffs Investmentversprechen zu schön waren, um wahr zu sein, hätten Banken wissen müssen – sagt er. Sie wollten lieber wegschauen, schließlich war es ja gewinnbringend. Eine jährliche Rendite von zehn Prozent war zwar nicht der große Coup, dennoch gut. Madoffs Buchführung war tadellos. Punkte, bei denen man hätte skeptisch werden müssen. Erste Hinweise in den 90er-Jahren von Harry Markopolos, der auf eigene Faust Finanzbetrüge ermittelt, dass Madoffs Fonds reinster Betrug sein könnte, wurden von der Börsenaufsicht SEC schlichtweg ignoriert. Markopolos sollte für die Investmentfirma, in der er arbeitete, eine Strategie entwickeln, um ähnlich wie Madoff, Kunden eine jährliche Rendite von zwölf Prozent bieten zu können. Dabei wurde ihm schnell klar: Madoff verfügte entweder über ein krasses Insiderwissen oder zockte seine Anleger durch ein Schneeballsystem ab.

Doch erst 2008 kam Madoffs tiefer Fall – durch den Höhepunkt der Finanzkrise. Anleger wollten ihr Geld aus dem Fonds Anfang Dezember abziehen. Insgesamt sieben Milliarden Dollar musste Madoff ihnen zurückzahlen. Geld das er nicht hatte. Madoff wusste: Der Punkt, an dem sein Lügenkartenhaus zusammenbricht, war gekommen. Wer hoch pokert, kann nun mal auch alles verspielen. Er gestand den Betrug seinen Söhnen Mark und Andrew, die Teil seiner Firma waren. Erlaubte ihnen, ihn anzuzeigen.

Einmal Geschäftsmann immer Geschäftsmann: Madoff errichtet Kakaomonopol im Gefängnis

Madoffs Karriere entwickelte sich vom Rettungsschwimmer zum Jungunternehmer, zum gefeierten Broker an der Wall Street, bis hin zum Kriminellen mit der Gefangenennummer: 61727-054.

Seit mittlerweile neun Jahren sitzt er seine Strafe im Butner-Gefängnis in North Carolina ab, trägt Sträflingskleidung statt teurer Anzüge, wohnt in einem trostlosen Trakt statt in seiner Luxuswohnung. Doch dass er, der einstige Star an der Börse, sich das Gefängnis nicht mit Gewalttätern teilt, ist klar. Stattdessen verbringt er seine Zeit dort mit alten Bekannten, mit Leuten seinesgleichen – mit anderen Wall Street-Betrügern.

Selbst im Knast lebt Madoff das Motto: „Einmal Geschäftsmann immer Geschäftsmann.“ Laut Medienangaben berät der Betrüger andere Gefangene in Sachen Finanzen, gibt ihnen Tipps für das Anlegen von Geld. Seinen Blick für lohnenswerte Geschäfte hat Madoff ebenfalls nicht verloren: Andere dealen im Knast mit Drogen – Madoff mit Kakao. Denn Kakao ist im Butner äußerst beliebt.

Genauer gesagt hatte er seine Mitinsassen abgezockt, indem er ein Kakaomonopol errichtete. Seinen monatlichen Gefängnislohn von 40 Dollar hatte er so lange zur Seite gelegt, bis er sämtliche Kakao-Packungen von „Swiss Miss“ aufkaufen konnte, um sie dann auf dem Knasthof zu verticken. Teurer als der Einkaufspreis, versteht sich. Im Grunde machte er einfach wieder Arbitragegeschäfte, nur eben mit Kakao und nicht mit Wertpapieren.

Bei guter Führung kann Madoff theoretisch 2139 entlassen werden. Also 20 Jahre vor Ende der 150-Jährigen Haftstrafe. Damit der 80-Jährige das erlebt, müsste er unsterblich sein.

Was von dem Fall Madoff, dem Godfather der Börsenbetrüger, bleibt? Entschädigungszahlungen an die Opfer. Das US-Justizministerum verwaltet dafür extra einen Madoff-Opfer-Fond. Vier Mill. Dollar hat der Fonds zur Verfügung, die zum Teil aus Madoffs eigenem Vermögen gerettet wurden, zum anderen Teil von Investoren stammen, die durch Madoff sagenhafte Gewinne machten. Längst sind nicht alle Opfer entschädigt. Ob das jemals geschehen wird, bleibt fraglich. Auch offene Fragen bleiben. Madoff beteuerte immer, das Schneeballsystem alleine betrieben zu haben. Dass niemand aus seiner Firma, der Familie oder von den Banken und Hedgefonds davon wusste. Gab es wirklich keine Mittäter? Und wohin ist das ganze Geld verschwunden?


Mehr Crime-Geschichten gefällig? Wie wäre es mit dem Mann, der den Eiffelturm verkaufte, dem tiefen Fall des Boyband-Architekten Lou Perlman oder der Konzernchefin der Camorra Maria Licciardi?


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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