Psychologe Christian Montag: “Nichtstun ist ein wahrer Kreativitäts-Inkubator“

Warum ist es gut, das Handy auch mal in der Hosentasche zu lassen?

Wir wissen aus der Kreativitätsforschung, dass Phasen, in denen wir nichts machen, in denen wir „Mind-Wandering“ betreiben, wahre Kreativitäts-Inkubatoren sein können. In solchen Phasen denken wir etwa über Alltagsprobleme nach und finden hier und da Lösungen. Smartphones nehmen uns zunehmend diese Phasen der Selbstreflexion.

Um diese kreativen Augenblicke mehr zu erleben – was können Sie uns für die Feiertage mit auf den Weg geben?

Eine Hilfestellung wäre in der Familie zu vereinbaren, dass man das Smartphone unter dem Weihnachtsbaum ausmacht. Oder: Am besten bringen wir das Gerät direkt in einen anderen Raum. Eine neuere Arbeit zeigt: Wenn das Gerät nur physisch anwesend ist, zum Beispiel auf dem Tisch liegt, kann es bereits kognitive Ressourcen abziehen. Man ist ständig in Erwartungshaltung, dass auf dem Bildschirm etwas passiert. Selbst wenn das Handy ausgeschaltet ist, beobachten wir den gleichen Effekt.

Und langfristig? Welche Vorsätze für das neue Jahr helfen?

Mehrere Dinge: Zum Beispiel eine Armbanduhr tragen. Wenn ich auf dem Handy nach der Zeit schaue, habe ich es 20 Minuten später immer noch in der Hand – und weiß die Uhrzeit immer noch nicht. Zudem plädiere ich dafür, dass man das Schlafzimmer als Smartphone- und Tablet-freie Zone betrachtet. Denn selbst wenn man das Smartphone nur dazu benutzt, den Wecker zu stellen, fangen viele Nutzer im Bett an, „nur kurz“ bei Social Media etwas nachzuschauen – und auf einmal ist wieder eine halbe Stunde vorbei.

Was hilft im Berufsalltag?

Wenn wir Smartphones nicht hochfrequentiert, sondern strukturiert einsetzen. In einem Experiment wurden zwei Versuchsbedingungen bei Erwachsenen miteinander verglichen. In der einen sollten die Studienteilnehmer E-Mails immer dann beantworten, wenn sie konnten, also wenn möglich auf alles direkt reagieren. In der anderen Bedingung hatten die Teilnehmer, die Aufgabe dieser Tätigkeit strukturiert nachzugehen, das heißt, zum Beispiel einmal etwa um neun Uhr und dann wieder um 16 Uhr. Durch diese Intervention, in denen diese Personen nur zu festen Zeitpunkten mit E-Mails beschäftigt waren, entstand dazwischen auch ein längeres Zeitfenster, in welchem hochkonzentriert ohne Unterbrechungen gearbeitet werden konnte. In dem benannten Experiment führte die strukturierte E-Mail-Bedingung auch zu weniger Stress und mehr Wohlbefinden.

Heute haben wir es nicht nur mit E-Mails zu tun, sondern auch mit Benachrichtigungen über Whatsapp, Instagram oder den Facebook-Messenger. Würden Sie uns empfehlen auch für diese Dienste bestimmte Slots im Alltag einzurichten?

Da Sie Whatsapp ansprechen: Ich finde dieser Dienst wendet einen besonders perfiden Mechanismus an. Stichwort „Nudging“: Dieser Begriff stammt aus der Verhaltensökonomik und bedeutet so viel wie eine Person durch eine Standardeinstellung im Systemdesign, in eine bestimmte Richtung zu schubsen oder zu lenken. Nudging kann durchaus positiv eingesetzt werden, zum Beispiel in einer Kantine. Wenn Sie dort in der Quengelzone Obst parken, dann ernähren sich die Mitarbeiter gesünder. Wenn Sie dort aber den Schokoriegel haben, wie in einem Supermarkt, dann greifen die Mitarbeiter auch eher zu mehr Süßigkeiten.

In Bezug auf Whatsapp bedeutet das was?

Die Standardeinstellung eines Systems gibt vor, wie sich Menschen verhalten. Die vorinstallierte Doppelhaken-Funktion bei Whatsapp spielt hier eine entscheidende Rolle. Wenn ich Ihnen eine Nachricht schicke und an dem Doppelhaken sehe, dass Sie diese gelesen haben, entsteht bei Ihnen sozialer Druck. Denn Sie wissen: Ich habe gesehen, dass Sie die Nachricht gelesen haben, und erwarte, dass Sie gleich antworten. Das sind Mechanismen, um möglichst viele Daten und eine hohe Verweildauer auf der Plattform zu schaffen. Die Betreiber solcher Plattformen haben ein Interesse daran, dass sie möglichst schnell und viel Traffic generieren. Dadurch lernt Sie Whatsapp besser kennen. Natürlich lässt sich die Doppelhaken-Funktion auch ausstellen. Aber das machen die meisten Menschen nicht. Die Standardeinstellung ist einfach zu mächtig.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe alle Nachrichten, die über Messenger auf meinem Smartphone reinkommen, auf stumm geschaltet – bis auf die von meiner Frau. Dadurch werde ich nicht dauernd durch eintrudelnde Nachrichten abgelenkt. Zusätzlich habe ich übrigens auch die Doppelhaken-Funktion ausgestellt.

Wie verändern Smartphones unser Leben? Damit hat sich Christian Montag ausführlich in seinem Buch „Homo Digitalis“ beschäftigt. Darin geht er der Frage nach, warum wir immer mehr Zeit mit Smartphones verbringen – und ob digitale Welten tatsächlich unser Gehirn verändern. Mehr Infos hier.

 


René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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