Daniel Saynt: Vom Zeugen Jehovas zum exklusiven Sexclub-Gründer

Im Sexclub NSFW kopulieren die Jungen und die Schönen von New York. Gründer Daniel Saynt plant bereits die Expansion. Sein Ziel: Berlin.

Fuuuuuck!“ Fllllap. „Fuuuuuck!“ Aus dem Mund der rotblonden Kanadierin klingt dieses „Fuck“ gar nicht nach Fluchen. Eher nach einem Stoßgebet. Und es geht weiter: Eine ganz in Weiß gekleidete Frau springt zwischen sie und die Frau mit dem Flogger, der immer wieder in den Schritt ihrer schwarzen Latexleggings klatscht. Flllappp.

„Wait!“, ruft jetzt die Frau in Weiß: „Consent?“ Die Schauspielerin aus Kanada holt einmal tief Luft, grinst und nickt ihr kurz mit leicht glasigen Augen zu. „Consent given.“ Flllap.

Hier unten im Folterkeller direkt am High Line Park im New Yorker Stadtteil Chelsea herrscht eine Bubble der sexpositiven Glückseligkeit. Draußen war erst neulich die Kavanaugh-Anhörung Thema, hier unten eröffnet sich eine Welt, in der Pussys nicht nur gegrabbt, sondern gleich ausgepeitscht und mit Cannabis-Gleitgel high gemacht werden – vorausgesetzt, sie bitten explizit darum, und zwar möglichst präzise und enthusiastisch. Consent, eben.

©NSFW

Aber was, bitte schön, passiert hier eigentlich? Nun, NSFW eben. Der exklusivste Sexclub der Welt. Die Auswahlkriterien sind streng: Aus über 10 000 Bewerbern haben es derzeit knapp 1 500 Mitglieder in die heiligen Hallen geschafft. Nach teilweise bis zu sechs Monaten Wartezeit.

„Das ist natürlich eines der besten Pro­bleme, die man so haben kann“, sagt Daniel Saynt, der Gründer des Spektakels. „Aber immer noch ein Problem.“ NSFW steht entgegen der Incognito-Browser-Intuition für New Society for Wellness, und Saynt ist ein bisexueller, bärtiger Bär in schwarzem Schottenrock. Er redet mit der tiefenentspannten Big Dick Energy von jemandem, der mit seinen 35 Jahren schon wirklich alles gesehen, geraucht und gevögelt hat. Nur seine Hände sprechen die international anerkannte Zeichenfuchtelsprache eines Menschen mit ADHS.

Wildes Innenleben

Vielleicht muss man selbst schon auf vielen Sexpartys gewesen sein, um wirklich nachvollziehen zu können, was die Events von NSFW so besonders macht. „Wir benutzen das Wort ,kuratiert‘ hier sehr oft, weil es das alles wirklich ist“, erklärt Saynt, als wir ein paar Tage später in einer rotierenden Taucherkugel im Folterkeller rumhängen und Dabs rauchen. Sein Vaporizer mit Fingerabdrucksensor und Custom-Keramikmundstück ist eine Spezialanfertigung für Mitglieder – klar.

In Saynts Club ist wirklich alles extrem durchdacht. Angefangen beim schummrigen roten Licht, das genau die richtige Nuance hat, um jedem Teint zu schmeicheln, über den ebenso simplen wie inklusiven Dresscode („Trag etwas Schwarzes, in dem du dich sexy fühlst“) bis hin zu den weiß gekleideten Nymphen, die als Awareness-Team auf den Events dafür sorgen, dass jeder sich wohlfühlt und alles mit rechten Dingen zugeht.

@NSFW

Der Keller ist 370 Quadratmeter groß, hat 16 Themenräume von Gefängniszelle bis Beichtstuhl; man fühlt sich wie in einer Mischung aus einem Filmset von Regisseur Michel Gondry und einer Hausparty bei sehr verrückten, stinkreichen, exzentrischen Kreativen. Eine Straßenkreuzer-Motorhaube steht unkommentiert unter einem Wandgemälde vom Jüngsten Gericht, daneben leere Pizzakartons, ein halb ausgemaltes Genitalienmalbuch mit Buntstiften, rote Plastikbecher, Schalen mit Kondomen.

Grund für die weirde Inneneinrichtung: Das Clubhouse war ursprünglich ein Escape-Room, also die möchte­gern­ori­ginelle IRL-Bespaßung für ehemalige „TKKG“-Hörer, die sich in einen Raum einsperren lassen, um einen fiktiven Kriminalfall zu lösen. Von dieser Fangruppe scheint es in New York nicht allzu viele Menschen zu geben. Der Laden lief nicht, und so überließ der Besitzer den Keller in Bestlage kurzerhand Daniel Saynt als neue Base. Und natürlich ist auch er NSFW-Fan.

Zwischen Prostitution und Zeugen Jehovas

Das Wort „disruptive“ ist in letzter Zeit extrem überstrapaziert worden, das gilt auch hier in New York. Aber in Saynts Instagram-Bio passt es. Als Kind puertoricanischer Einwanderer wächst der heute 35-Jährige „pretty fucking broke“ in der Bronx zwischen Prostitution, Gang Fights und Crackheads auf. Die Eltern sind strenggläubige Zeugen Jehovas: keine Kindergeburtstage, kein Einfluss von außen, kein Sex vor der Ehe, schon gar nicht mit Männern. Für jemanden, der schon mit zwölf merkt, dass er höchstwahrscheinlich auch gerne mal Typen küssen würde, die perfekte Grundlage für eine Glaubenskrise.

So richtig kippt die Situation dann allerdings ausgerechnet beim Film „Jurassic Park“. Als das amerikanische Pendant der Zeugen-Jehovas-Postille „Wachturm“ die Mitglieder darüber informiert, Dinosaurierknochen seien eine Erfindung Satans, um den Glauben an die Schöpfungsgeschichte zu unterminieren, ist der kleine Daniel endgültig raus. „Ich dachte: Fuck, was für ein Schwachsinn! Dinosaurier gibt es wirklich, ich hab die doch im Kino gesehen, ich weiß, was los ist!“

Inzwischen lässt es sich Saynt nicht mehr nehmen, seinen Geburtstag zu feiern. Und gerne auch etwas größer, mit guten Freunden und wer sonst so Lust auf eine Sexparty hat: als „All Saynts Day“, wo sich alle Gäste mit Symbolen ihrer jeweiligen Religion verkleiden.


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