Daniel Saynt: Vom Zeugen Jehovas zum exklusiven Sexclub-Gründer

Wer Mitglied sein will, muss sich an Spielregeln halten

Ein Glück für den Club, dass niederschwelliges Networking in den USA zum guten Ton gehört, aber das kann ja der Erfahrung nach auch schiefgehen: Keiner will in Awkward Moments Herrn Müller vom Controlling nackt in der Herrensauna begegnen. Wie also dann? Antwort: Saynts ausgeklügelte Marketingstrategie.

Saynt erklärt, Aufklärung sei ein zentrales Thema bei NSFW: niemand kommt rein, der nicht zunächst den „How to Ask for Sex“-Workshop besucht hat. Da soll man die kommunikativen und emotionalen Skills lernen, Fremde in der Öffentlichkeit anzufassen und Körperflüssigkeiten auszutauschen, ohne dass es irgendwie merkwürdig oder eben unsafe wird.

Anstatt wie auf deutschen Sex-Positive-Raves die Barrieren durch Chemikalien abzubauen, setzt man hier auf den simplen wie strengen Code of Conduct: Respect. Hydrate. Don’t be a creeper. Keine Fotos, keine harten Drogen. Nach jedem Event eine Aftercare-E-Mail: „War irgendjemand da, der sich gruselig benommen hat? Melde diese Person!“ So will NSFW einen Ort schaffen, an dem man sich auch als Singlefrau weitaus sicherer fühlt als in der Dorfdisco oder nachts in der U-Bahn. Und wenn man den Blick über die NSFW-Party schweifen lässt, muss man schon sagen: Die Menschen sind hier – sogar für New Yorker Verhältnisse – sehr attraktiv. Und die Party ist tatsächlich gut, es gilt ja ohnehin: The people make the place.

©NSFW

Mit „attraktiv“ sind allerdings weder Körbchengröße noch Bankkonto gemeint: Saynt sagt: „Ich will mit niemandem Sex haben, mit dem ich mich nicht auch davor eine Stunde lang gut unterhalten kann.“ Er sagt auch: „Ist diese Person viel in der Welt herumgekommen? Erfolgreich in dem, was sie tut? Experimentierfreudig, offen? Das bedeutet hier attraktiv.“

Networking plus

Damit bei den Partys dann auch die richtigen Leute aufeinandertreffen, scannt ein neunköpfiges Council die ausführlich beantworteten Fragebögen der Kandidaten. Dazu noch deren Social-Media-Profile und die Referenzen, die sie von anderen Mitgliedern erhalten haben. Und das funktioniert – einmal durch den Club gegangen, alle fünf Meter neu verknallt: in den bisexuellen Hip-Hop-DJ aus Harlem, die italienische Pressefrau mit der dreckig-rauen Lache und natürlich in die kanadische Schauspielerin, die gerade per Flog den Schmerz für sich neu entdeckt. Heterosexualität fühlt sich hier plötzlich sehr nach 2015 an. Nichts Neues, winkt Saynt ab. Schon Benjamin Franklin hätte sich in Paris in sogenannten Libertine Clubs herumgetrieben, um von den Intellektuellen dort zu lernen, wie die Französische Revolution auf den Weg zu bringen wäre. Hier ist das Ausmaß an Körpertypen, Vorlieben und Orientierungen durchaus bewusstseinserweiternd. NSFW will nichts weniger sein als der inklusivste exklusive Sexclub der Welt. Das fühlt sich natürlich extrem entspannend an für bisexuelle Menschen, die auf Queer-Partys gefordert werden, sich endlich mal zu entscheiden, und auf Heten-Events wahlweise geslutshamt oder fetischisiert werden.

Auch beruflich hat Saynt sich über die Jahre befreit. Im Keller seiner Oma startete er das Mode-Lästerblog Fashion­Indie, verkaufte dies und wurde als erster Blogger überhaupt CMO einer Luxusmodemarke. Anschließend gründete er mit seiner Ex-Frau eine Digitalagentur für Millennial-Marketing und beriet Louis Vuitton, Burberry und die „Vogue“.

Vermarktung ist alles

Während er privat seine Bisexualität erkundete, vom Glauben seiner Familie abfiel und die Ehe schließlich zerbrach, begann Saynt, seine Marketingskills in einem neuen Feld einzusetzen. Er gründete die NSFW Agency, eine Digitalagentur, die sich ausschließlich mit sogenannten Vice Category Brands befasst: mit Sexual Wellness, also Toys, Kondomen, Gleitgel, Aufklärungsworkshops, sowie allem, was irgendwie mit Cannabis zu tun hat. Produkte, die jeder haben will, aber die viel Fingerspitzengefühl bei der Vermarktung brauchen – gerade jetzt.

Als Donald Trump Anfang 2017 Präsident wurde, wurde Saynt auch der politische Impact seiner Geschäftsidee bewusst. „Es war zum Kotzen. Und extrem inspirierend.“ Nun spendet NSFW 6,9 Prozent aller Einnahmen an Aufklärungsorganisationen. Und nach den Kavanaugh-Anhörungen veranstaltete NSFW einen Rage-Workshop mit einer Traumatherapeutin.

©NSFW

In einem Land, wo zwischen Pornhub und Planned Parenthood kaum sexuelle Bildung außer „Am besten halt abstinent bleiben“ passiert, schmieden im NSFW Clubhouse die Mitglieder an neuen Weltübernahmeplänen: „Ich war früher so darauf fokussiert, Menschen irgendein Zeug zu verticken, das sie nicht brauchten“, sagt Saynt. „Wenn du Handtaschen oder Parfüm verkaufst, bedienst du damit sehr oberflächliche, kurzfristige Glücksgefühle. Social Media macht depressiv. Ich bin es leid, jedes Mal irgendeinen Shit verkauft zu bekommen, wenn ich durch Instagram scrolle, Menschen zu sehen, die nicht für ihre Klamotten und Schminke bezahlt haben und mich davon überzeugen sollen, so aussehen zu wollen wie sie.“ Ein freieres Mindset zu vermarkten fühlt sich für ihn besser an.

Aber Saynt ist auch Amerikaner, deswegen hat er kein Problem damit, sein Gutmenschentum mit vollkommen unverkrampfter Geldgier zu kombinieren.
„Für den Sexual Wellness Market werden bis 2020 Umsätze in Höhe von 50 Mrd. Dollar erwartet. Die Cannabisindustrie in Nordamerika wird bis dahin bei 20 Mrd. Dollar Umsatz liegen.“ Nur logisch, dass NSFW ein großes Stück vom Space-Cookie abbekommen will.

Expansion

Saynt sagt: „Uns war klar, der Sexclub wird die meiste Presse bekommen und uns als Brand etablieren. Aber so wie der ,Playboy‘ erst mal eigentlich nur ein Magazin war und Amazon ein Onlinebuchhandel, gilt auch bei uns: Sobald du eine Marke eta­bliert hast, sind die Möglichkeiten endlos.“ Momentan sind eine NSFW-App, eine Fernsehserie, eine Schmucklinie und sogar eine hauseigene Weed-Züchtung in der Entwicklung. Gleichzeitig finanzieren sich die Club-Events nicht nur durch Beiträge der Mitglieder, sondern auch dank Sponsoren, die Saynt über seine Agentur akquiriert – wie könnte man zielgruppengerechter an ein wohlhabendes, einflussreiches Klientel vermitteln als durch Produktpräsentationen im Folterkeller?

Liebe, heißt es, vermehrt sich, indem man sie teilt. Und doch ist sie nicht das Einzige. Für Frühjahr 2019 plant NSFW, das mittelfristig das „Soho House of Sex“ mit Clubs auf der ganzen Welt werden will, die erste Exkursion nach Berlin. „Let’s go fuck in Germany“, grinst Saynt, jetzt bei einem fettigen Slice Käsepizza. Enthusiastic consent given.


Der Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Darin stellen wir 100 Gründer, Macher und Kreative vor, von denen wir 2019 Großes erwarten. Auf dem Cover: Aya Jaff. Die 23-Jährige ist Deutschlands bekannteste Programmiererin. Weitere Themen im Heft: NSFW, ein Sexklub für die Generation Instagram. Außerdem: Dan Palami. Der philippinische Unternehmer will die Fußball-Nationalmannschaft des Landes an die Spitze der Fifa-Tabelle führen – und viele weitere Geschichten. Mehr Infos gibt es hier.


Theresa Lachner

Auf lvstprinzip.de beschäftigt sich die Sex-Bloggerin mit allerlei Zwischenmenschlichem. Wie man zumindest im Bett besser miteinander klarkommt, beschreibt sie in ihrem Buch “Kommen mit Stil“.

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