Bullshit-Jobs: Vier Rätsel und fünf Thesen zum Sinn der Arbeit

Der Anthropologe David Graeber fragt sich in seinem Buch „Bullshit Jobs“, warum so viele von uns Jobs ohne Sinn machen. Hier kommt ein Fazit in 4 Fragen und 5 Antworten.

1. Rätsel: Wo bleibt die Effizienz des Kapitalismus?

Fragen Sie sich manchmal, ob es eigentlich schaden würde, wenn Sie ab morgen nicht mehr zur Arbeit gingen? Maschinen erledigen heute vieles anstelle von Menschen. Landwirtschaft und Industrie benötigen viel weniger menschliche Arbeitskraft als in der Vergangenheit. Warum also arbeiten wir noch immer vierzig Stunden in der Woche? Sind all diese Jobs unabdingbar? John Maynard Keynes prophezeite schon 1930 für den fernen Jahrtausendwechsel eine allgemeine 15-Stunden-Woche. Bekanntlich kam es anders. „Es ist, als würde sich irgendjemand sinnlose Tätigkeiten ausdenken, nur damit wir alle ständig arbeiten“, schreibt Graeber.

2. Rätsel: „Nehmt das Geld und stellt keine Fragen“

Warum freuen sich Menschen nicht, wenn sie für eine stumpfe, mühelos zu bewältigende Tätigkeit auch noch ordentlich bezahlt werden? Dabei handelt es sich schließlich um so etwas wie „anstrengungslosen Wohlstand“, um eine Formulierung von Guido Westerwelle anders zu framen. Aber auf den Wohlstand verzichten viele lieber, wenn sie dafür Stunden mit sinnlosen Tätigkeiten verbringen müssen. Graebers Protagonisten sind oft junge Menschen oder solche ohne Familie, die einen Job hinschmeißen können, um in besetzten Häusern in Marokko zu leben oder dergleichen. Diese Freiheit haben nicht alle.

3. Rätsel: Warum gibt es sinnlose Jobs?

„Bullshit Jobs“ nennt Graeber Tätigkeiten, die so sinnlos sind, dass selbst diejenigen, die sie ausführen, sich keine überzeugende Rechtfertigung dafür denken können. Er zählt dazu viele verwaltende Berufe und Dienstleistungen, fast den gesamten Bereich der Doppelbuchstaben HR und PR, viele Juristen, Versicherungs- und Finanzleute. Er behauptet, dass es niemanden besonders stören würde, wenn diese Menschen ab morgen einfach zum Unkrautjäten in ihren Kleingarten gingen, anstatt ins Büro.

Im ersten Teil seines Buches trägt Graeber Zuschriften von Menschen zusammen, die ihren eigenen Beruf als Bullshit bezeichnen. Kurt etwa arbeitet für ein Subunternehmen der Bundeswehr, das IT verwaltet. Er fasst seine Tätigkeit so zusammen: „Anstatt dass der Soldat also seinen Computer fünf Meter weit trägt, fahren zwei Personen insgesamt sechs bis zehn Stunden lang Auto, füllen ungefähr 15 Blatt Papier aus und vergeuden Steuergelder in Höhe von gut 400 Euro.“ Wohlgemerkt arbeitet Kurt für einen privaten Dienstleister, der im Namen der Effizienz beauftragt wird. Bullshit Jobs sind oft maximal ineffizient wie der von Kurt. Bei anderen gibt es sehr viel zu tun, aber nichts davon wirkt sich positiv auf die Welt aus, vieles sogar negativ. Manchmal bestehen sie auch schlicht darin, dass jemand dafür bezahlt wird, anwesend zu sein und nichts zu tun. Ein spanischer Beamter etwa studierte jahrelang in seiner Dienstzeit die Philosphie Brauch Spinozas und es fiel niemandem auf.

Absurderweise kommt dabei ein weiteres Charakteristikum der Bullshit Jobs ins Spiel: Das Beschäftigt-Tun. Denn niemand dieser Menschen würde vor Kollegen oder Chefs zugeben, dass seine Position im Grunde nicht existieren sollte. Diese Menschen wissen also, dass ihre Stelle überflüssig ist (und die Kollegen wissen es wahrscheinlich auch, denn sie sind ja im gleichen Umfeld) – aber einem stillschweigenden Übereinkommen folgend, wird Stress simuliert.

4. Rätsel: Warum bleiben die wirklich wichtigen Sachen liegen?

Andererseits hört man ständig von Pflegenotstand und Fachkräftemangel. Krankenschwestern und Altenpfleger machen sicherlich einen der sinnvollsten Jobs überhaupt würde – trotzdem verdienen sie wenig. Und Stress müssen sie nicht simulieren, denn sie haben ja wirklich viel zu tun. Die Frage dabei ist, warum es so viele gut bezahlte, aber unglückliche Bankmitarbeiter gibt und dringend benötigte Stellen im Pflegebereich unbesetzt bleiben.


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