Explain baut so brillante Präsentationen, dass Dax-Konzerne dafür viel Geld bezahlen

Niemand baut so erfolgreich Powerpoint-Charts wie Explain. Doch CEO Jonas Keller fackelt nicht lange, wenn das Business die Kultur seines Ladens bedroht.

Ein Nachmittag im vergangenen August, die Hitze ist unerträglich. Doch Jonas Keller stapft gut gelaunt über eine Wiese im Gewerbegebiet von Baden-Baden. Hier soll Ende 2019 der Neubau seiner Agentur Explain stehen. Dort das Foyer, da die Büros, in denen die 40 Mitarbeiter, die sich gerade noch in Karlsruhe auf drei Etagen drängeln, endlich wieder Platz haben. Hier wird Raum entstehen, damit die Firma expandieren kann. Auch ein anderes Problem soll der Umzug lösen: Die Dax-Vorstände, die zu Explain kommen, um sich für Vorträge coachen zu lassen, wird man in Baden-Baden endlich adäquat unterbringen können, es gibt gute Restaurants, der Flughafen ist nah. 

Für die Mitarbeiter sei der neue Standort ideal, glaubt Keller. Zu Fuß sind es nur ein paar Minuten zum Bahnhof, von dort ist man mit dem ICE in einer Viertelstunde in Karlsruhe. Um seinen Leuten das zu zeigen, hat der CEO die letzte Weihnachtsfeier in die Kurstadt verlegt. Bei der Verkündung des Umzugs waren ein paar Tränen geflossen, das schon. Aber wenn man Keller zuschaut, wie er trotz Hochsommerhitze über das Grundstück läuft und euphorisch die geplante Firmenzentrale in die Luft malt, bleibt kein Raum für Zweifel an dem Projekt. Keller verspricht sich viel vom Neubau, den er zu dem Ort in Deutschland machen will, an den man pilgert, wenn es um das Thema Powerpoint und Präsentieren geht. Und wo, das ist so eine Hoffnung von Keller, eines Tages Dieter Zetsche ein neues Mercedes-Modell vorstellt.

Drei Monate später der Anruf: Es gibt ein Problem. Nein, nicht dass Zetsche angekündigt hat, seinen Posten als Daimler-Vorstandschef im Mai 2019 zu räumen. Keller hat das Neubauprojekt abgeblasen. Wie es ihm damit geht? Er zögert keine Sekunde: „Fühlt sich gut an.“

Ich-AG im Bügelzimmer

Die Geschichte von Explain ist bemerkenswert. Nachdem der heutige Mitinhaber Sven Hager für den Energiekonzern EnBW zwei Monate lang Präsentationsfolien überarbeitet hatte, kam ihm die Idee, hier könnte ein Business stecken. 2004 gründete er im Bügelzimmer seiner Mutter eine Ich-AG, die sich auf das Gestalten von Powerpoint-Charts spezialisierte. Keller kam zwei Jahre später dazu. Er hatte in der Zwölften das Gymnasium geschmissen, eine Zeit gejobbt, Zivildienst gemacht, nun suchte er einen Weg, an die Fachhochschulreife zu kommen. Hager und Keller kannten sich, und der Schulabbrecher wurde zu Mitarbeiter Nummer eins.

„Wir waren die Folienschrubber“, sagt Keller über die Anfangszeit. Das aber so erfolgreich, dass die Zahl der Kunden wuchs, weitere Mitarbeiter hinzukamen und man vom Bügelzimmer in die Einliegerwohnung zog. Hager und Keller profitierten davon, dass sie sich mit Powerpoint die unsexyeste Nische des Agentur-Business ausgesucht hatten. Das gelte bis heute, sagt Keller: „Werbeagenturen haben keine Lust drauf, das ist bei den Designern regelrecht verpönt.“

Explain-Chef Jonas Keller will mehr: Präsen in eine vollkommen neue Dimension bringen. (Foto: Michael Bieniek).

In den ersten Jahren blieb Power Praesentationen, wie Explain bis 2010 etwas ungelenk hieß, eine nerdige Veranstaltung. „Wir haben uns nicht rausgetraut aus unserer Höhle.“ Und es habe gedauert, sagt Keller, bis sie begriffen hätten, dass Kunden nicht beißen. Doch irgendwann wagten sie sich vor die Tür. 2012 ergatterte Explain im zweiten Anlauf einen Auftrag von Adidas. „Ich liebe diese Company. Es war für mich das Größte, da pitchen zu können“, sagt Keller. „Ich werde den Tag nicht vergessen. Ich bin im Anzug da reinmarschiert, völlig overdressed. Da sind ja alle nur in Sneakern unterwegs.“ Aber er hatte das richtige Accessoire dabei: einen abgeranzten Adidas-Fußball, den er als Andenken an ein Projekt mit Jugendlichen aufgehoben hatte. Keller überzeugte die Adidas-Leute von seinem Talent fürs Storytelling und verschaffte Explain den ersten Job für den Konzern, den er heute als „großen Bruder“ bezeichnet. Rund 300 Projekte und 30 Events habe man seitdem umgesetzt, darunter so komplexe wie Produktlaunches mit Tausenden Zuschauern und sensible wie Investoren-Präsen.

In der Theorie klingt die Dienstleistung von Explain einfach: Keller und seine Leute helfen Unternehmen, ihre Powerpoint-Charts hübsch zu machen. Doch in der Praxis ist die Sache gar nicht so simpel. Denn bei Präsentationen für Externe neigen viele Firmen dazu, auf der einen Seite ihre Folien mit Details zu überfrachten, auf der anderen Wesentliches wegzulassen, weil sie es unbewusst als bekannt voraussetzen. Geht es um interne Präsentationen, stöpselt man vielerorts unübersichtliche, mit Bulletpoints und aus dem Web gezogenen Bildern überladene Charts zusammen. Die müssen die Leute bei Explain dann erst einmal verstehen, ordnen und von Grund neu aufbauen. Das hat seinen Preis. Eine Standard-Unternehmenspräse kostet um die 50 000 Euro. Buchen die Firmen dazu ein Coaching für ihre Leute, wird es entsprechend teurer. Und wenn die Karlsruher für Events angeheuert werden und mehrere Tage mit einem Team vor Ort sind, um Liveprogramme mit Dutzenden Speakern und Hunderten Folien zu betreuen, stehen auch schon mal 250 000 Euro unterm Strich.

Für jemanden, der eine hübsche Präse im Sinn hat, wenn er bei Explain anfragt, klingen solche Beträge natürlich absurd. Doch wer Adidas, die DB, Porsche, L’Oréal, den Modekonzern PVH (Calvin Klein, Tommy Hilfiger), ABB, Merck, Schalke 04 und ein paar weitere Big Names, die nicht öffentlich genannt werden dürfen, zu seinen Kunden zählt, der kann offensichtlich mehr als schöne Charts machen.

Tatsächlich versteht man bei Explain Powerpoint als Mittel zum Zweck. „Wir sehen uns eher als eine Art Ghostwriter der Manager“, sagt Keller. Und darum definiert er das Ziel seiner Arbeit so: „Führen durch Präsentationen“. Das klingt nach Hybris – aber direkt ein bisschen plausibler, wenn man sich anschaut, wie sich die Präsentationskultur verändert hat.

Es geht um eine Professionalisierung, die man auch als TEDx-isierung bezeichnen kann. Das berüchtigte betreute Lesen, wenn also der Präsentator seine Bulletpoints eins zu eins runterrattert, das dazu geführt hat, dass Powerpoint von vielen als zeitfressendes Folterwerkzeug wahrgenommen wird, weicht allmählich der Erkenntnis, dass eine Präsentation ein sehr effizientes Mittel sein kann, Informationen zu vermitteln. Dann nämlich, wenn man Inhalte gut strukturiert aufbereitet und im Zusammenspiel mit einer ergänzenden, gerne unterhaltsamen Moderation so vorträgt, dass die Zuhörer etwas lernen – und sich nicht wie früher in der Uni zurücklehnen und warten, dass am Ende die schriftliche Zusammenfassung verteilt wird. „Da kommt eine Generation nach, die gar kein Problem mehr damit hat zu präsentieren. Und die hat auch einen Anspruch daran“, sagt Keller. Darum gibt er sich nicht zufrieden, State of the Art in Sachen Powerpoint zu sein. Keller will die Art und Weise verändern, wie Konzerne mit Kunden und Mitarbeitern kommunizieren.


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