Megatrend Nachhaltigkeit: Warum wir uns alle etwas vormachen

Ein Kommentar.

Wenn man in der Medienbranche arbeitet, kommt man aktuell an einem Thema nicht mehr vorbei: Nachhaltigkeit. Es vergeht kaum ein Tag, an dem kein Artikel über irgendein nachhaltiges grünes Unternehmen erscheint (auch bei uns). Plötzlich ist allen ein nachhaltiges, umweltverträgliches und absolut verantwortungsvolles Image wichtig.

Auch im privaten Bereich beherrscht Nachhaltigkeit jeden Küchen- oder sonstigen Stammtisch-Talk. Wer etwa Produkte aus Plastik kauft, steht auf einmal unter Rechtfertigungsdruck. An Nachhaltigkeit kommt anno 2019 keiner mehr vorbei.

Eigentlich wäre das eine gute Nachricht. Nur schaut man sich unsere Lebensweise genauer an, dann muss man feststellen: Gerade wir leben alles andere als umweltfreundlich, ergo: nachhaltig.

Massig Ware aus dem Netz

1: Wir bestellen massenweise Waren aus dem Internet. Ist ja super einfach und bequem – zerlegt nur leider die Umwelt. Wir sind die Auftraggeber für die zahllosen Lieferdienste, die unsere Straßen verstopfen und jeden Stadtverkehr in den Wahnsinn treibt. Das Schlimme: Einen Großteil von unseren Zusendungen schicken wir einfach wieder zurück. Kostet ja nichts.

Fakt ist: In Deutschland geht jedes zweite Paket bei Mode-Einkäufen zurück. Das sind jeden Tag etwa 800 000 Pakete, was ungefähr 400 Tonnen CO2 entspricht.

Für immer Jetlag

2: Keine andere Generation ist so viel in der Welt unterwegs wie wir. Ein Bekannter hatte mir Ende letzten Jahres erzählt, er fliegt über Weihnachten für eine Woche nach Bali. Für EINE WOCHE. Ähnliches Argument wie bei den Online-Bestellungen: Kostet ja nichts (im Vergleich zu früheren Ticketpreisen). Klar, Fliegen ist nicht super-umweltfreundlich – sagen wir, aber hey: Wir leben nur einmal und wollen die Welt sehen. Mehr mir-doch-egal-wie-es-der-nächsten-Generation-geht geht wirklich nicht.

Fakt ist: Fliegen ist die klimaschädlichste Art zu reisen. Laut dem Umweltbundesamt verursacht etwa ein Flug von Deutschland auf die Malediven hin und zurück pro Person über fünf Tonnen CO2. Das entspricht einer über 30 000 kilometerlangen Autofahrt mit einem Mittelklassewagen.

Energiesparen – Nein danke

3: Wie oft habe ich bei Freunden gesehen, dass ganz selbstverständlich der Laptop an bleibt, wenn man das Haus verlässt. Ist man dann zuhause, macht man wiederum ganz selbstverständlich den Fernseher an, lässt diesen im Hintergrund laufen, schaut aber die ganze Zeit auf das Smartphone. Stromverbrauch? Energiesparen? Ja, finden wir doch alle gut und wichtig, aber wir brauchen dieses Hintergrundrauschen.

4: Ähnliches im Büro: Kollegen, die sich in ihre einstündige Mittagspause verziehen und dabei den Laptop sowie externen Bildschirm anlassen, kennt man. Dabei wäre es so einfach einen Energiesparmodus einzurichten, der den Laptop schon nach kurzer Zeit in den Standby-Modus schiebt.

Fakt ist: Durch Energiesparoptionen könnten pro Jahr etwa 27 Kilowattstunden Strom pro Arbeitsplatz eingespart werden.

Fazit ist: Ich will nicht von der Kanzel herab predigen, ich will niemanden schlecht machen, ich will nur selbstkritisch eingestehen: Nachhaltigkeit fängt direkt vor unserer Nase an (auch vor meiner). Deshalb sollten wir uns die Frage stellen: Ist es nicht gerade unser hoher Anspruch an das moderne Leben, an unseren Konsum, der den Planeten langfristig ausbluten lässt?


Apropos: Fünf Wege, um im Office Nachhaltigkeit zu pushen. 


René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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