Joy Fatoyinbo: Basketballprofi, Model, Selekteur, Anwalt

Nachts regelt Joy Fatoyinbo mit seiner Agentur den Einlass vor Berliner Clubs, tags verteidigt er als Anwalt die Rechte von Kreativen. Wie kriegt er das unter einen Hut?

Da gleitet er vor die Kanzlei, man betrachtet es von innen durch die Milchglasscheiben: das wattige Schleichen eines alten Mercedes über die Straße, Coupé, Baureihe 123, punktgenau rollt er zum Stillstand. Echter Chrom-Porno, dazu eine Metallicfarbe, die derart haargenau zwischen Blau und Grün liegt, als wollte sie den Begriff „Malibu“ illustrieren. Motor aus. Schön. Aber das nächste Schauspiel hinkt dem ersten an optischer Strahlkraft nicht unbedingt hinterher. Aus dem Coupé steigt ein Mensch, der – man muss es so schlicht und einfach sagen – verdammt gut aussieht. Ein Mensch, gehüllt in die alten Herrenstandards der kalten Jahreszeit: Mantel, Hut, Schal. Und dazu ein Lachen, das ganz Berlin-Mitte erleuchten will.

Dieser Mann ist Joy Fatoyinbo, 39, gebürtiger Hamburger in Berlin. Er ist leicht spät dran, was ihn gerade ärgert. „Der Joy ist spät“, sagt er vor sich hin, in die frisch eingerichtete Kanzlei JRF Legal, und es klingt nach einem kleinen Tadel an sich selbst. Der Joy, das muss aber auch gesagt werden, hat einen verdammt vollen Kalender. Und das nicht nur, weil gerade in Berlin Fashion Week ist und er dabei mit seiner Agentur Selekt für einige Veranstaltungen das Einladungsmanagement macht, unter anderem. Auch nicht, weil Fatoyinbo neulich seine Kanzlei eröffnen konnte und nun obendrein ganztags als Anwalt arbeitet. So einem sollte dringend die akademische Viertelstunde gegönnt sein.

Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Oliver Nickel sieht dabei zu, wie Fatoyinbo durch die Kanzlei streift. Er sagt: „Der Joy kann nicht nur eine Sache machen.“ Es klingt liebevoll und bewundernd, aber auch ein bisschen resigniert. Im Ton schwingt viel Verständnis für den alten Studienkollegen. Fatoyinbo sagt: „Ich würde eingehen wie eine Primel.“ Pause. Dann schickt er hinterher: „Pressure bursts pipes or makes diamonds.“ Nickel verdreht die Augen: „Den sagt er immer, wenn ich stöhne.“ Es klingt eingespielt. Hier kennen zwei Menschen einander offenbar sehr gut.

Fatoyinbo führt in Berlin-Kreuzberg die Agentur Selekt und in Mitte die Kanzlei JRF Legal (Credits: Christoph Neumann).

Bei dem Tempo, das Fatoyinbo schon seit einigen Jahren geht, hatte Nickel viel Anlass zum Stöhnen. Seit er sich vor rund einem Jahr dazu entschlossen hat, die Kanzlei in der Mulackstraße zu eröffnen, wurden die Tage noch einmal länger, die Nächte kurz – oder eben auch lang, wie auch immer man wenig Schlaf lieber definieren will. Aber wenig Schlaf ist der bevorzugte Modus Operandi von Fatoyinbo. Man sitzt ihm gegenüber, dem frischen Solo-Anwalt. Wie ist das alles dann so gekommen? „Hast du Zeit mitgebracht?“, fragt Fatoyinbo, und man nimmt Platz auf einem der alten Kinosessel, die er für die Inneneinrichtung der Kanzlei irgendwoher bekommen hat. Gut, also los. Her mit der Story über die Karriere, für die es wohl kein Vorbild geben kann.

Die Arbeit der Nacht

Fatoyinbo studiert in Hamburg Rechtswissenschaften, ein bisschen lustlos, wie Nickel zu bedenken gibt. Dann doch eher nichts wie ab nach Paris, wo er für die Caritas im Rahmen eines EU-Stipendiums Pro-bono-Rechtsberatung für illegale Einwanderer macht. Auch schön war, dass ihm dort ein Basketballteam einen Profivertrag anbietet. Sogar noch ein Eckchen reizvoller war dann der Job als Model, den Fatoyinbo dann auch bald hat. Der führt ihn drei Jahre lang ein paar Mal um die Welt. Schon toll, klar, doch eigentlich, sagt er, „musst du Folgendes wissen: Als ich ein Kind war, wollten die anderen Kinder immer Busfahrer werden. Denn die hatten die Hüte auf, die Uniformen, das wirkte“.

Fatoyinbo hingegen hatte eine andere ­Herangehensweise. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich sie damals gefragt hätte, was so ein Busfahrer verdient. Die hat das dann geschätzt, und es klang nicht nach viel.“ Der Sohn, so die Geschichte, sagte dann seiner Mutter, dass er lieber Millionär sein möchte. Ist er da jetzt auf einem guten Weg? „Das ist nicht mehr meine Leitlinie. Um Millionär zu werden, braucht man andere Ziele, als nur Millionär zu werden.“ 2014 jedenfalls nahm er sich dann kurz Zeit zum Durchatmen. Und dabei fiel ihm auf, dass er weder Bock auf Modeln noch auf Jura hatte. Was dann?

Hier, sieht und versteht man, ist jemand dabei, etwas ganz Eigenes zu machen. Nach sehr eigenen Vorstellungen. Das beginnt schon an der Oberfläche: Fängt man bei Fatoyinbo in der Kanzlei als Associate an, schickt er einen erst einmal zwei Straßen weiter zu den Maßschneidern von Monokel Berlin, damit sie dem neuen Mitarbeiter die passende Kleidung verschaffen.

Fatoyinbo bei Buddies, den Maßschneidern Monokel Berlin (Credits: Christoph Neumann)

Mit dem Auftreten kennt Fatoyinbo sich aus: Wenn man in Berlin ausgeht, also ein bisschen eingeweiht und einheimisch, dann wird man irgendwann schon einmal den Selekteuren von Fatoyinbo unter die Nase gekommen sein. Selekteure bitte, keine tumben Türsteher. Menschen, die einem fest und bestimmt sagen, ob man für den Laden geeignet ist oder nicht. Kleine Faustregel: Die sind meist dort, wo sich das Hingehen schon eher lohnt. Etwa vor dem Prince Charles in Kreuzberg. Vor den Läden in der Torstraße. Oder eben bei Großveranstaltungen, die nicht ganz doof sind.

Als sich Fatoyinbo nämlich 2014 weder für Modeln noch für das Dasein als Anwalt entscheiden konnte, fiel ihm seine Zeit in Hamburg ein. Dass er dort damals als junger Joy während des Studiums ab und zu mal auf der Reeperbahn „die Türen gemacht hat“, wie er sagt. Dort hat er sich nah am Menschen den wichtigsten Skill draufgepackt: „Das goldene Nein – freundlich, bestimmt, das ist die Kunst. Man braucht dafür Empathie und Ausstrahlung.“ Fatoyinbo sagt, dass er in diesen Nächten viel über sich selbst gelernt hätte. Aber auch, dass man entweder „das Auge für Menschen hat oder nicht“. Es ist eben ein sehr direktes People-Business.

Jedenfalls fiel ihm das gleich auf, als er nach Berlin kam: Personaldienstleister für Türsteher gab es etliche – aber eine gediegene Agentur für Selektion? Also gründete Fatoyinbo die Agentur Selekt, zusammen mit einer Geschäftspartnerin.

Seit Kurzem ist er jetzt alleiniger Inhaber von Selekt, die Geschäftspartnerin hat das Unternehmen verlassen. 15 Leute arbeiten in Kreuzberg für ihn, sind mit Personaldienstleistungen und Eventmanagement von Booking und Einladungen bis hin zum Einlass am Abend beschäftigt. Fatoyinbo sagt, dass die Agentur wächst und er gerade einen neuen Standort für das Büro sucht, am besten in der Nähe der Kanzlei.

Schaut man sich ein wenig in der Kanzlei um, dann versteht man, dass Fatoyinbo sicherlich keine Lust hat auf irgendeine Bude, nur weil sie gerade günstig zu haben ist: An den Wänden hängen Werke von befreundeten Künstlern. Seine Robe ist über eine Anprobierfigur drapiert, ein schwerer Ledersessel begrüßt den Besucher und lädt zum Sitzen ein. Davor die ausrangierten Kinosessel. „Ich brauche keinen Innenarchitekten, ich habe das alles selber gemacht“, sagt er. Nickel nickt: „Ich habe keine Ahnung, wo Joy das alles hergeholt hat. Aber er findet immer wieder solche Stücke.“


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