Entscheider: Darf man Kollegen für die eigene Karriere opfern?

Ja. „Nichts ist erotischer als Erfolg“, befiehlt die deutsche Synchronstimme von Bruce Willis am Ende einer grandiosen Fernsehwerbung aus den 80ern. Davor musste man sich eine halbe Minute lang den Tagesablauf eines Vollperformers angucken: einsames Motorradfahren durch die Morgensonne. Große, heftig zu bejubelnde Erfolge im Cerruti-Anzug beim Schreibtischjob. Als Ausgleich eine Nebentätigkeit als grundehrlicher Schufter auf einem Feld (erbarmungslose Sonne, nackter Oberkörper, Schweiß). Und am Ende des Tages wird natürlich noch fix eine fremde Frau verführt. Wow.

Man lernt: Erfolg ist verdammt geil. Und eigentlich, verstehe ich bei einer Nostalgierunde durch Youtube, hat Erfolg bitte genau so wie in den 80ern auszusehen: Rasiertheit. Anzüge. Rostfreie Youngtimer, die man vor neonbeleuchteten Bars parken lässt. Die Gegenwart mit ihren bemüht flachen Hierarchien und dem ätzenden Zottel-CEO-Habitus mag einen das kurz vergessen lassen, aber ich behaupte mal, dass wir uns in einem kurzen, heftigen Trottel-Dip befinden, für den man sich in ein paar Jahren schlimm schämen wird. Deswegen muss man sich gerade für den Erfolg nur an eine Regel halten: antizyklisch denken. Und hat man das erst einmal drauf, dann dementsprechend antizyklisch handeln.

Derzeit bedeutet das, die Kollegen ruhig zum nachhaltigen Positiv-denken-Kreis gehen zu lassen, zum veganen Meet-up der Gelassenheit, zum basisdemokratischen Produktivitätsyoga. Man selber allerdings befolge stattdessen die erprobten 80er-Taktiken, mit denen einfach gar keiner mehr rechnet: lautes Selbstlob, Besetzen und verbissenes Verteidigen relevanter Projekte, gerne auch die große Intrige. Nicht dass ich das unbedingt will, dazu bin ich viel zu faul. Aber es scheint in dieser flauschigen Streichelgegenwart einfach mal wieder an der Zeit zu sein, dass jemand kommt und anderen gezielt das wegnimmt, was er oder sie unbedingt haben will. Und wenn es der Job samt Weg nach oben ist.

Alexander Langer


Nein. Geklagt wird über den Umgang im Büro, ein Ratgeber nach dem anderen gibt Tipps, wie man für ein gutes Arbeitsklima sorgt, und wenn endlich alles zu laufen scheint, dann kommt diese Person – diese eine Person, die dir ins Gesicht lächelt und hintenherum das Messer zückt. Dieser Typ Mensch, der sein Wohl über das aller anderen stellt und sich dabei nicht scheut, über Leichen zu gehen.

Gut: Womöglich ist das etwas zu sehr von Krimis inspiriert, allerdings stolzieren solche Leute zur Genüge in den Büros herum und fühlen sich nicht einmal schlecht dabei. Ein gewisser Instinkt für Eigennutz ist sicherlich in vielen Fällen brauchbar, akzeptabel und oft genug überlebenswichtig. Doch alles hat seine Grenzen. Die eigene Karriere auf Kosten eines Kollegen zu pushen? Das sollte einfach der Anstand gar nicht erst zulassen. Fair Play gilt immer. Ehrlich, empathisch und nicht nur für sich selbst denkend. Zum Glück halten sich viele an diese ungeschriebenen Gesetze, doch ab und an tanzt einer aus dem Kollektiv. Klar ist, dass bei egoistischen Tramplern Belehrungen und Ins-Gewissen-Reden nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Deswegen sieht man sich gezwungen, anders zu argumentieren.

Betrachten wir darum das Wort doch einfach mal aus einer anderen Perspektive: Eine Opfergabe – ist das nicht etwas Veraltetes, längst Überkommenes und vor allem absolut Unmenschliches? Exakt. Auf die heutige Zeit übertragen ist „Kollegen opfern” zwar nicht religiöser Natur (hoffentlich zumindest), allerdings erkennt man trotzdem eine feine Spur von alter, zu Recht vergangener Welt. Daher umdenken, bitte! Die Devise der modernen Arbeitswelt lautet: „We rise by lifting others.“ Gutes tun, Gutes zurückbekommen. Sich gegenseitig empowern ist der Schlüssel zum Erfolg. Und wenn selbst diese Worte nichts bewirken, dann sollte man sich vielleicht die Frage stellen, ob man keine anderen überzeugenden Qualitäten hat, als einen Kollegen runterzudrücken, um das eigene kleine Ego und die Karriere zu pushen?

Kati Dirscherl


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Der Artikel stammt aus unserer aktuellen Ausgabe. Titelstory: Wieso Nico Rosberg sich nach seinem radikalen Karriere-Schlussstrich 2016 gerade als Investor in Zukunftstechnologien neu erfindet. Außerdem haben wir ein Dossier zum Thema Travel Biz für euch. Darin berichten wir unter anderem über Away, das New Yorker Koffer-Startup, das mit clever konzipiertem Gepäck gerade zur Love-Brand der Millennials wird. Mehr Infos gibt es hier.

 


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