Wie Beyond Meat zum Milliarden-Biz wurde und was bald noch auf den Teller kommt

Seit wenigen Wochen ist Ethan Browns Firma Beyond Meat an der Börse und schon mehrere Milliarden Dollar wert. Die Geschichte, wie Brown den Wettlauf um fleischloses Fleisch gewann … vorerst

Der Mann, der das Fleisch neu erfunden hat, strahlt. Es ist halb neun an einem Mittwochmorgen Mitte Mai, und Ethan Brown – groß, bärig, dunkelblond, wuscheliger Fünftagebart – sitzt in einem schlichten Konferenzraum in El Segundo, einem Vorort von Los Angeles. Auf Cap und T-Shirt prangt das Logo seiner Firma Beyond Meat. Er flachst mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme herum. Es geht um Button-down-Hemden, Jeanshemden, smarte Cowboylooks. Die wunderschöne Welt der Oberflächlichkeit, in die man sich nur dann stürzen kann, wenn sonst alles super ist.

Und Brown hat wirklich jeden Grund, derart zufrieden zu sein. Mit sich, der Welt, vor allem aber dem Business. In der ersten Maiwoche ist Browns vor knapp zehn Jahren gegründete Firma für tierfreies Fleisch in New York an die Börse gegangen. Innerhalb eines halben Vormittags sprang der Preis der Beyond-Meat-Aktie von 25 auf fast 66 Dollar, eine Steigerung um 163 Prozent. Der erfolgreichste Börsengang der USA in den letzten 19 Jahren. Beyond Meat, so sieht das der Markt, soll rund 3 Mrd. Dollar wert sein. Ethan Browns Startup, so scheint es, hat den Wettlauf um das beste fleischlose Fleisch gewonnen.

Beliebter als Fleisch

Der wichtigste KPI für Ethan Brown ist aber ein anderer, erzählt er. „In Southern California sind wir mittlerweile die Nummer eins im Fleischregel bei den abgepackten Burgern“, sagt Brown, selbst etwas erstaunt. „Wir verkaufen mehr Burger, als Burger aus Angus-Rind verkauft werden, mehr als aus gemischtem Rinderhack und mehr als Chickenburger – ich war total platt, als ich das erfahren habe!“ Dann schiebt Brown nach: „Ich hatte ehrlich gesagt deutlich weniger ehrgeizige Ziele.“

Das könnte natürlich schon der Wahrheit entsprechen, betrachtet man die beachtlichen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungssprünge der gesamten Fake-Meat-Branche in den vergangenen zwei Jahren. Wahrscheinlicher aber ist: Brown untertreibt maßlos.

Schließlich ist Beyond Meat heute das Synonym für ein Produkt, dem selbst Experten vor Jahren allenfalls einen Nischenmarkt prophezeit hatten. Doch auf einmal sind die fleischlosen Burger überall. Wenige Wochen vor Beyond Meats IPO verkündete Konkurrent Impossible Foods einen großen Testlauf in Kooperation mit Burger King. Fast zeitgleich hob McDonald’s in Deutschland den Big Vegan TS auf die Speisekarte, einen zuvor in Finnland und Schweden erprobten Burger, auf dem statt Fleisch ein Patty namens Incredible Burger von Nestlé liegt. Ebenfalls im ersten Quartal des Jahres brachte der britische Hersteller Moving Mountains einen fleischfreien Burger mit dem klugen Namen The Flexitarian Burger auf den Markt. Und in jedem einzelnen dieser Fälle übertrafen die Zahlen die Erwartung bei Weitem.

In Southern California ist Beyond Meat mittlerweile die Nummer eins im Fleischregel bei den abgepackten Burgern. Foto: Beyond Meat.

Das Zeitalter, in dem Fleisch hinter uns liegt – wie man Beyond Meat sinngemäß übersetzen kann –, ist angebrochen. Vor fünf Jahren nicht abzusehen. Damals schreitet Ethan Brown in weißer Laborkleidung, Mundschutz und papierner Haarbedeckung wippend durch eine schmucklose, beinahe triste Halle in Columbia, Missouri. Drei Reihen Neonröhren erhellen den Raum, an der linken Wand stehen lange Waschbecken, rechts eine Art übergroße Öfen. Dazwischen Mischer, Fließbänder, ein Textur-Messgerät, etwas, das Brown „den Wiederkäuer“ nennt, und große Plastiksäcke mit Karottenfasern, Erbsenprotein und Sojamehl. Zu dieser Zeit produziert Beyond Meat noch keine Burger, sondern Hühnchenstreifen und Hackfleischbröckelchen für Burritos. Noch ist die Firma nicht nach Kalifornien gezogen, sondern residiert in der ehemaligen Großküche eines Krankenhauses in Missouri. Schon damals forschten sogar Universitäten zu für Beyond Meat wichtigen Problemen. Doch die Fragen der Presse sind im Jahr 2014 noch von sehr viel Skepsis und leiser Herablassung durchzogen.

Etwas seufzend erklärt Brown an diesem Tag einem älteren und skeptisch dreinblickenden Reporter des Frühstücksfernsehens von CBS, was er da eigentlich macht: „Ich spreche sowieso nur noch von Rindfleisch und Hühnchen“, sagt Brown. „Das verwirrt viele, aber als genau das sehe ich unsere Produkte. Ich schaudere eher, wenn Leute sagen, das sei Fake Meat.“

Nachgebautes Tier

Das nämlich ist der große Unterschied zwischen Beyond Meat und den anderen neuen tierfreien Fleischvarianten sowie der ersten Generation von Pattys aus Grünkernmehl oder besseren Gemüsebuletten: Brown will Fleisch nicht ersetzen, sondern so gut wie möglich nachbauen. „Wir finden Proteine, die auf eine bestimmte Weise in Pflanzen enthalten sind, extrahieren diese und setzen die Verbindungen zurück, bis die Proteine so aufgebaut sind wie in einem tierischen Muskel“, erklärt Brown. Und das sei vergleichsweise simpel: Man müsse nur herausfinden, wie genau Fleisch schmeckt, welche Textur und Faserigkeit Fleisch hat, wie es vor dem Braten aussieht, währenddessen und danach und wie es schwitzt und blutet. Man muss den pH-Wert des in den Pflanzen enthaltenen Wassers so verändern, dass sich Fasern und Proteine trennen. Dann muss man herausfinden, wie Tiere aus pflanzlichen Proteinen Muskeln und Fleisch aufbauen. Und diesen Prozess dann nachahmen. Und, wenn es irgendwie geht, noch optimieren.

Der Weg zu dieser Formel war für Brown lang und voller Wendungen. Der heute 48-Jährige ist in New England aufgewachsen, sein Vater ist Philosophieprofessor mit Schwerpunkt Umweltschutz und Klimawandel, Mitglied im Club of Rome und zudem ambitionierter Besitzer einer kleinen Farm, auf der Brown junior in den Sommerferien arbeitete. Das, erzählt er, veränderte alles. „Ich hatte nicht den Luxus, mein Essen erst in einer Fabrik oder im Supermarktregal anzutreffen“, sagt Brown. „Ich sah es viel früher und fing an, Fragen zu stellen.“ Zum Beispiel: Warum manche Tiere auf dem Hof bis ins hohe Alter gehegt und gepflegt wurden – andere als Produkt galten und man sie bei Bedarf umbringen konnte?

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